6 Die Phantasie. Fragen sind ihrer Natur nach solche der individuellen Psychologie. Denn sie setzen Selbstbeobachtung, also experimentelle Analyse der Bewußtseinsvorgänge voraus, ohne die keine einigermaßen sichere Selbstbeobachtung möglich ist. Hiermit ist freilich auch schon gesagt, daß die Antworten, die uns hier die überlieferte Psycho¬ logie bietet, mangelhaft, wenn nicht völlig unbrauchbar sind. Denn sie stützen sich durchweg auf jene »reine Selbstbeobachtung«, die bestenfalls einzelne Fragmente des wirklichen Geschehens und ge» wisse resultierende Produkte desselben erhascht, in der Regel aber aus einem Gemenge solch lückenhafter Beobachtungen mit daran geknüpften Abstraktionen und Reflexionen besteht. Dahin gehören vor allem schon die Unterscheidungen zwischen Phantasie und Gedächtnis. Bei ihnen pflegen sich die Wege der älteren und der neueren Psychologie von vornherein dadurch zu scheiden, daß jene ihre Begriffe dem gewöhnlichen Verlaufe der Bewußtseinsvor¬ gänge zu entnehmen sucht, während diese zunächst von der künst¬ lerischen Phantasietätigkeit als der, wie man meint, klarsten und vollkommensten Erscheinungsform ausgeht und von da aus dann sozusagen retrospektiv die Vorstufen dieser höchsten Funktionsäuße¬ rung zu beleuchten sucht. Daraus ergibt sich dann der merkwür¬ dige Gegensatz, daß die Vermögenspsychologie Wolffs in der Phantasie die niedrigere, in dem Gedächtnis die höhere Stufe seelischer Funk¬ tionen sah, während moderne Philosophen und Psychologen durch¬ aus geneigt sind, dieses Verhältnis umzukehren. Zuerst, so meinte Wolff, muß die »Einbildungskraft« existieren, das Vermögen, sich überhaupt etwas nicht Gegenwärtiges vorzustellen. Kommt dann dazu der Wille, aus dem »Eingebildeten« auszuscheiden, was im ursprünglichen Eindruck nicht enthalten war, so entsteht das Ge¬ dächtnis. In ähnlichem Sinne verlegte noch Kant den ursprüng¬ lichen Unterschied beider in das unwillkürliche Produzieren der Phantasie, den willkürlichen Leistungen des Gedächtnisses gegen¬ über1 2). Indem er aber dieser ursprünglich unwillkürlichen und im allgemeinen reproduktiven die produktive Phantasie als Dichtungs- und Erfindungsvermögen gegenüberstellt, wendet sich seine Würdigung x) Wolff, Vera. Gedanken von Gott, der Welt, der Seele des Mensehen usw. 2. Teil4 1740, S. 150. Kant, Anthropologie, g 27 ff.