4 Die Phantasie. Vorstellungen ist die individuelle Phantasietätigkeit; jene Gebilde selbst aber besitzen durchaus den Charakter von Phantasieschöpfun¬ gen, die sich unter den Bedingungen des Zusammenlebens ent¬ wickelt haben. In dem Mythus verknüpft die Volksphantasie die Erlebnisse der Wirklichkeit. In der Religion schöpft sie aus dem Inhalt dieser Erlebnisse ihre Vorstellungen über Grund und Zweck des menschlichen Daseins. In diesem Verhältnis liegen aber auch schon die ungleich größe¬ ren Verwicklungen angedeutet, denen die psychologische Unter¬ suchung auf diesem Gebiete begegnet. Die Schwierigkeit beginnt bereits bei den individuellen Bewußtseinsvorgängen, auf die hier die völkerpsychologischen Erscheinungen zurückweisen. Die Ausdrucks¬ bewegungen sind als psychophysische Funktionen, in ihren mannig¬ fachen Variationen wie nicht minder in ihrer Abhängigkeit von äußeren Reizen und von inneren Bedingungen, der Beobachtung und der experimentellen Analyse ihrer Entstehungsweise verhältnismäßig leicht zugänglich. Mögen auch über ihr Verhältnis zu den allge¬ meinen Bewegungsformen, den Reflexen, den Trieb- und den Willens¬ handlungen, noch allerlei theoretische Streitigkeiten obwalten, über die Erscheinungen selbst und über ihre Abhängigkeit von bestimm¬ ten Gefühls- und Affektzuständen und von begleitenden Vorstellun¬ gen kann im allgemeinen kein Zweifel herrschen. Mit der Einord¬ nung der Sprachäußerungen in die große Klasse der Ausdrucks¬ bewegungen ist daher der psychologischen Untersuchung der Sprache ein fester Ausgangspunkt gegeben, der, so mannigfache Hindernisse sich auch im einzelnen noch erheben mögen, doch über den ein- zuschlagenden Weg im ganzen keinen Zweifel aufkommen läßt. Die Phantasie dagegen ist uns nicht in gleicher Weise in äußerlich leicht erkennbaren Symptomen zugänglich. Sie ist ein in den Tiefen des Bewußtseins wirkendes Geschehen und, wie sich von vornherein vermuten läßt, ein Komplex von Funktionen verschiedener Art, der schon der unmittelbaren Beobachtung und vollends einer Analyse, die ihn in seine Faktoren zerlegen und deren Wechselwirkungen ermitteln möchte, die größten Schwierigkeiten bereitet. Denn nir¬ gends fast scheint es möglich, die verborgenen Fäden aufzufinden, aus denen die Gebilde der Phantasie gewebt sind, und die Ver¬ schlingungen zu entwirren, in denen diese Fäden ineinandergreifen,