Erstes Kapitel. Die Phantasie. L Die Phantasie als allgemeine seelische Funktion. i. Die Phantasie als Objekt der Völkerpsychologie. Io dem Verhältnis der Einzelseele zur Volksseele, wie es die ein¬ leitenden Betrachtungen dieses Werkes festzustellen suchten, liegt es begründet, daß jedes der Hauptgebiete, in das sich die Völker¬ psychologie vermöge der Natur der gemeinsamen seelischen Erleb¬ nisse und Erzeugnisse gliedert, auf bestimmte individuelle Funktionen zurückfuhrt1). Doch ihren völkerpsychologischen Charakter gewinnen überall die Erscheinungen erst dadurch, daß die Bedingungen des gemeinsamen Lebens hinzukommen müssen, wenn jene individuellen Anlagen zu ihrer vollen Ausbildung gelangen sollen. Darum stehen die psychischen und psychophysischen Grundfunktionen, aus denen die dem geistigen Leben der Gemeinschaft spezifisch eigentümlichen Schöpfungen entspringen, ebenso am Anfang wie am Ende dieser Entwicklung: am Anfang, weil sie ihrer allgemeinen Anlage nach dem individuellen Bewußtsein angehören ; am Ende, weil ihre voll¬ kommeneren Formen durchaus an die Bedingungen des gemeinsamen Lebens gebunden sind. So hat die Sprache ihre Quelle in den Ausdrucksbewegungen. Sie selbst ist aber nur die entwickeltste, nach den geistigen Eigenschaften der Gemeinschaften und der Ein¬ zelnen am reichsten differenzierte unter ihnen. Eine ähnliche Stellung wie die Ausdrucksbewegungen zur Sprache nimmt nun die Phantasie zu Mythus und Religion ein. Die letzte Quelle aller Mythenbildung, aller religiösen Gefühle und i* x) VgL Bd. I, i, S. io f.