IV Vorwort. ihrer Hilfsmittel und die Exaktheit ihrer Methoden zugenommen haben. Vielmehr scheint mir die Analyse der geistigen Vorgänge und Entwicklungen heute wie immer die Aufgabe der Psychologie zu sein. Mythus und Religion sind aber, wenn man an dieser Aufgabe festhält, wohl diejenigen Gebiete des gemeinsamen Lebens, die zwingender als die meisten andern die psychologische Betrach¬ tung herausfordern. Wenn es bei der Sprache zumeist erst die Sprachwissenschaft gewesen ist, die auf die einzelnen psychologi¬ schen Probleme geführt wurde, so liegen diese beim Mythus über¬ all schon auf der Oberfläche. Sie treten jedem entgegen, der sich, ohne tiefer in die Mythenentwicklung einzudringen, nur irgend¬ einen einzelnen Kreis mythologischer Vorstellungen vergegenwärtigt. Dennoch liegt vielleicht gerade hierin der Grund, daß in Mytho¬ logie und Religionswissenschaft das Bedürfnis nach den Hilfsmitteln der wissenschaftlichen Psychologie bis jetzt weniger zutage getreten ist als in der Sprachwissenschaft. Die Mythologen und Religions¬ historiker bewegen sich eben von Anfang an selbst in psycholo¬ gischen Hypothesen und Theorien, die sie teils geläufigen popu¬ lären Vorstellungen über das seelische Leben, teils den aus irgend¬ einer Philosophie aufgenommenen metaphysischen Ideen entlehnen. Der Kritik dieser Theorien, mit der sich eines der folgenden Kapitel beschäftigen wird, will ich hier nicht vorgreifen. Nur so viel sei zu dieser Kritik bemerkt, daß, wenn ich gleich selbst¬ verständlich im stillen die Hoffnung hege, es möchten die vor¬ liegenden Untersuchungen einiges zur sorgfältigeren Prüfung der psychologischen Grundlagen der Erscheinungen auch im Kreise der Mythologen beitragen, doch hier, wie bei der Sprache, der nächste Zweck dieses Werkes nicht etwa der ist, die Mythologie durch die Psychologie zu berichtigen, sondern der psychologischen Forschung selbst, soweit ich es vermag, die Quellen einer für das Studium der Phantasievorgänge wie der Gemütsbewegungen unschätzbaren und unersetzbaren Erkenntnis zuzuführen. 9 Dieser psychologische Zweck rechtfertigt es wohl, daß nament¬ lich der vorliegende erste Teil manches enthält, was der Leser in