5. Unmöglichkeit des Parallelismus 821 kannte Weise damit verbunden ist. Wir können diese Lehre materialistischen Parallelismus nennen. Denn im Grunde hat ja danach das Psychische im wörtlichsten Sinne nichts in der Welt zu schaffen. Umgekehrt sieht der idealistische Parallelist (z. B. Paulsen in seiner fesselnd geschriebenen „Einleitung in die Philo¬ sophie“) Ursachen und Wirkungen nur auf der psychischen Seite. Konsequent sind aber beide Systeme nicht, wenn anders nur das¬ jenige real genannt werden kann, was irgendwie kausal ist. Der materialistische Parallelismus verkennt überdies die Tatsache, daß der Kausalbegriff gerade im psychischen Gebiete seine Wurzeln hat (§ 4, S. 46). Konsequent und mit den Tatsachen verträglich ist daher nur die dritte Form parallelistischer Kausalität, nach welcher beide Welten in sich geschlossene Kausalreihen dar stellen, keine aber in die andere irgendwie übergreift. Nun vergegenwärtige man sich den ungeheuren Widersinn einer solchen Lehre. Die Welt zerfällt danach in zwei heterogene Welten, von denen jede sich selbständig, ohne der Mitwirkung der anderen zu bedürfen, abspielt und sich genau ebenso abspielen würde, wenn die andere überhaupt nicht existierte. Die Menschen würden jammern und jubilieren, Versammlungen und Reden halten, Eide schwören, Kriege führen, auch wenn es gar kein Lieben und Hassen, Denken und Wollen gäbe. Die Menschengeschichte würde verlaufen, wie sie tatsächlich verläuft, aber als eine Kette rein äußerlicher und darum ganz sinnloser Prozeduren. Aber auch um¬ gekehrt müßte es hiernach denkbar sein, daß menschliche Gedanken und Gefühle in derselben Beschaffenheit und Reihenfolge wie jetzt auf einanderfolgten, ohne daß überhaupt ein Gehirn existierte, da sie ja angeblich ausschließlich aus Ursachen ihrer eigenen Art, aus rein psychischen Faktoren her Vorgehen. Da ferner infolge des durchgängigen Parallelismus alle Rela¬ tionen, welche zwischen den physischen Vorgängen bestehen, also auch speziell Kausalverhältnisse, im psychischen Gebiete wieder¬ kehren, so muß die Kette der Ursachen wie im physischen, so auch im psychischen Gebiete ins Unendliche oder bis zum Beginne der Weltentwicklung zurückreichen, ebenso die Kette der Wirkungen nach der Zukunft hin ins Unendliche oder bis zum Weitende sich erstrecken. Der ersten bewußten Empfindung eines Tieres (und irgendeine noch so dumpfe Empfindung muß ja im individuellen Leben die erste sein) müßte hiernach ein unbewußter psychischer Akt vorausgegangen sein, der wieder psychische Ursachen hatte ryi Stumpf, Erkenntnislehre. Bd. II.