714 § 29. Kausalität in der unorganischen Natur alltäglichen Vorstellungen und Begriffe von Raum- und Zeit¬ strecken dadurch umgestürzt werden. Diese alltäglichen Gebrauchs - Vorstellungen bedürfen überhaupt keiner Korrektur. § 29. Kausalität in der unorganischen Natur 1. Vorbemerkung In der für die ganze Weltanschauung entscheidenden Frage nach dem Wesen und dem Gesetz der Kausalität ist es nützlich und sogar notwendig, die Frage nicht sogleich für alle Zonen des menschlichen Denkens und Wissens zu stellen, sondern sich zuerst auf das Gebiet der Naturwissenschaften und in diesem wieder auf das der Physik zu beschränken, die die schärfsten Fragestellungen und das ausgiebigste und relativ spruchreifste Material zu ihrer Beantwortung darbietet, und dann erst die übrigen Bezirke des menschlichen Wissens ins Auge zu fassen, in welchen von Kausalität die Rede ist. Es soll damit nicht behauptet sein, daß der Begriff oder das Gesetz in den verschiedenen Gebieten einen verschiedenen Sinn oder Sicherungsgrad besitze. Über den Ursprung und ursprünglichen Sinn des Ursach- begriffes bemerkten wir einiges in § 4, fügten aber hinzu, daß er seine weitere Aus- und Umgestaltung erst im Zuge der wissen¬ schaftlichen Diskussionen in den einzelnen Gebieten empfange. Diese Aus- und Umgestaltung erfährt der wissenschaftliche Kausal¬ begriff, wie alle künstlich gebildeten, den Erklärungsbedürfnissen angepaßten Begriffe, in jahrhundertelanger Arbeit, in der die Forschung nicht nur eine Fülle sachlicher Kenntnisse geliefert, sondern auch das geistige Werkzeug ihrer Arbeit, ihre allgemein¬ sten Begriffe immer feiner geschliffen hat. Wir werden sehen, daß der naturwissenschaftliche Kausalbegriff sich auf diesem Wege sehr weit von seinem ursprünglichen Sinn entfernt hat, während der psychologische und soziale diesem näher geblieben sind. Zwischen Begriff und Urteil, Name und Satz ist, wie wir wissen, prinzipiell ein scharfer Unterschied. Aber man kann bei Begriffen, die aus wissenschaftlichen Bedürfnissen allmählich ge¬ bildet worden sind, den Inhalt der Begriffe aus dem der Urteile oder Sätze, in denen sie Vorkommen, entnehmen. Wir treten daher sogleich an die Untersuchung des Kausalgesetzes heran, wie es in der Physik verstanden wird bzw. verstanden werden muß.