644 § 26. Der Raum wie die Gottheit, so auch ihr „lebendiges Kleid“ von allen räum¬ lichen und zeitlichen Schranken frei zu wissen, erheben sich gegen einen endlichen Raum und eine endliche Zeit rein Verstandes - mäßig naheliegende Einwürfe, die bereits von den Scholastikern, besonders den Spätscholastikern, eingehend diskutiert wurden. Die Grenzfläche eines solchen Raumes wäre eine Fläche, die nur auf ihrer einen Seite an Raum grenzte, was der absoluten Homo- geneität des Raumes, die doch auch von der nicht-euklidischen Geometrie festgehalten wird, direkt widerspricht. Kein Punkt, keine Linie und keine Fläche des objektiven Raumes kann vor den übrigen ausgezeichnet sein. Auf solchen Erwägungen beruhte es wohl, wenn ein Astronom wie Hugo Seeliger, dessen Schüler Schwarzschild die Ein¬ führung eines endlichen Raumes so warm begrüßte, dieselbe An¬ nahme in einer feierlichen Sitzung der Münchener Akademie als eine „begriffliche Mißgeburt“ verwarf* 1. Die Ursache einer so scharfen Ablehnung aus solchem Munde wird man doch nicht wohl in bloßen liebgewordenen Denkgewohnheiten suchen dürfen. Hier liegen also schwere Aporien vor, die auch den Erkenntnis¬ theoretiker zu weiteren Überlegungen drängen. g. Das Weltall als dreidimensionale Oberfläche in einem vierdimensionalen euklidischen Raum Versuchen wir es zunächst mit einer Modifikation des Riemannschen Grundgedankens. Das, was an seiner Kon¬ zeption eines räumlichen Krümmungsmaßes so gewiegten Mathe¬ matikern wie Seeliger anstößig erscheinen konnte, war die Über¬ tragung des Krümmungsbegriffes, der für flächenhafte Raum- gebilde definiert war, auf den Raum selbst. Es könnte näher¬ liegend erscheinen, den Begriff auf dreidimensionale Raum¬ gebilde, also auf Körper zu übertragen. In der Tat muß auch der Gedanke eines Körpers von verschiedenem Krümmungsmaß und eines infolge positiver konstanter Krümmung in sich zu- gesetzen ableiten läßt. Allerdings kann auch selbst das Unendliche nach den Prinzipien der Mengenlehre zahlenmäßig noch in verschiedenen Ab¬ stufungen auftreten. Nur bei dem unendlichfach Unendlichen würde die Frage nach dem Warum wegfallen, vorausgesetzt, daß seine Existenz bewiesen werden kann. 1 H. S eeliger, Eröffnungsansprache am 28. 6. 1922, in: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1922/23, S. 11.