190 IX. Kapitel. [576 Pseudo-Sollen ist, mit Kant ein heteronomes. Vom vorhin er¬ wähnten unterscheidet es sich dadurch, dass es kein hypothetisches Sollen ist. Aber es ist auch noch ein bedingtes Sollen. Dass ich den Gegenstand erstrebe, ist nicht — vermöge des fremden Wunsches oder Gebotes — „recht“; denn dies Messe, das Streben sei als dieses Streben, also durch seinen Gegenstand gefordert. Es würde gleichfalls „recht“, wenn sein Grund, der Wunsch oder das Gebot des Anderen, „recht“ wäre. Aber davon reden wir nicht. Wir nehmen diesen Wunsch oder dies Gebot nur als ein¬ fache Thatsache. Wie man sieht, steht die Objektivität des Strebens, von der wir hier reden, auf gleicher Stufe wie die perceptive Gebundenheit, die ich erlebe angesichts der durch Mitteilung in mir entstandenen Vorstellung. Auch diese Vorstellung wird mir einerseits auf- genötigt; andererseits fühle ich doch die Nötigung ausgehend von einem „Gegenstände“, nämlich wiederum einem anderen Individuum. Diese eigentümliche Verbindung der Passivität und Objektivität wollte ich damals durch den besonderen Namen der perceptiven „Gebundenheit“ zum Ausdruck bringen. Sowenig diese perceptive Gebundenheit gleichbedeutend ist mit „gegen¬ ständlicher Objektivität“, sowenig ist die „Gebundenheit“ des Strebens oder Wollens, von der ich hier rede, wahre Objektivität meines Strebens oder Wollens. Von dieser zweiten Möglichkeit des Sollens ist nun charakte¬ ristisch verschieden die dritte. Diese besteht darin, dass ein eigenes früheres Wollen in meine gegenwärtige Persönlichkeit fordernd hineinragt. Dies Sollen ist ein wirkliches Sollen: Ich soll etwa bei meinem Entschlüsse bleiben, soll mein Versprechen halten etc. Wie dies Bewnsstseinserlebnis möglich ist, haben wir gesehen. Der Gegenstand, der hier die Forderung stellt, ist die von meiner gegenwärtigen Persönlichkeit unabhängige, nicht mehr aus der Welt zu schaffende Thatsache meines ehemaligen Ent¬ schlusses oder Versprechens. Dies Sollen oder diese Forderung ist autonom: Die Forderung stammt aus mir. Aber sie ist gleichfalls noch eine bedingte Forderung, und eben damit nicht eigentlich eine Forderung des erstrebten Gegenstandes. Die frag¬ liche Forderung kann aufgehoben werden. Und dies ist, wenn