Achtzehntes Kapitel: Schlußbetrachtungen. 591 uns in einem äfthetifchen Betrachten, wie es meiner Zergliederung als Grundlage diente. 5. Sodann aber ill zu bedenken, daß fich das äfthetifche Ver¬ halten durch ganz befonders innige Verbindungen von Funktionen kennzeichnet. Ich habe dabei nicht nur die Verfchmelzung von Ge¬ fühl und Anfchauung im Auge, fondern ich denke auch an die Ver- wachfung von Vorftellungen und Gefühlen und an das Zufammen- rinnen der Gefühle untereinander. Es läßt fich nun weder durch einfache Selbftwahmehmung, noch auch durch einfach rückblickende Erinnerung tagen, was alles in folchen Verfchmelzungs- und Verwach- fungsergebniffen an Funktionen und Beziehungen enthalten ift. Sie erfcheinen der fei es unmittelbaren, fei es durch Erinnerung vermit¬ telten Selbftbeobachtung als verhältnismäßig einfach und in fich gleich. Nur durch kritifche Selbftbefinnung, nur durch erwägendes Selbft- wahmehmen wird erfichtlich, ein wie verwickeltes Zufammenwirken von Funktionen in ihnen fleckt. Die Luft z. B., die fich an das Be¬ trachten eines Gemäldes knüpft, erfcheint unmittelbar als etwas ver¬ hältnismäßig Gleichförmiges. Mit diefem unmittelbaren Anfchein ift aber durchaus verträglich, daß diefe Luft durch Zufammenfließen aus mancherlei Luftquellen entftanden ift. Im befonderen ift zu bedenken, daß diejenige Bewußtfeinshaltung, die ich als „Gewißheit der Mög¬ lichkeit“ zu bezeichnen pflege, in verfchiedener Hinficht von aus- fchlaggebender Bedeutung für das äfthetifche Verhalten ift. Ich erinnere nur an die Bekanntheitsgewißheit (S. 129 ff.), an die Gewißheit der Gefühlsmöglichkeit (S. 187 f., 199 f.) und an die Gewißheit der Phan- tafieanfchauungsmöglichkeit (S. 417 f.). Diefe eigentümliche Bewußt¬ feinshaltung nun ift ganz befonders der einfachen Selbftwahmehmung unzugänglich. Sie ift fo recht ein Bewußtfeinszuftand von verfteckt eingewickelter Art. Nur durch die Verbindung von Selbftwahrnehmen und Erwägen läßt fich ermitteln, was das Bewußtfein meint, was es bedeuten und fagen will, wenn es die Gewißheit der Möglichkeit des Vorftellens, Fühlens, Phantafieanfchauens hat. So darf es uns alfo nicht irre machen, wenn fich die einfache Selbftwahmehmung an der Verwickeltheit der hier angeftellten Zergliederungen ftößt. 6. Endlich ift auch darauf zu achten, daß die vielfältigen Funktionen, die meine Darlegung im Idealfall als gleichzeitig ge- fchehend hingeftellt hat, fich in Wirklichkeit teilweife und in gewiffem Grade in zeitlicher Folge abwickeln können. Das zeitliche Aus¬ einandertreten ift eine Erleichterung, die fich das Bewußtfein verfchafft, Die Innigkeit der Ver- wachfungen im äfthetifchen Verhalten. Die zeitliche Abwickelung der äfthetifchen Funktionen.