Achtzehntes Kapitel: Das älthetifche Urteil. 361 wie doch hier die fchlichte biblifche Gefchichte zur Entfaltung der Pracht und Weltluft der Renaiffance benutzt wird! Dann können Urteile über die treffliche Kompofition des Bildes in mir entliehen. Oder ich kann mich der ungeheueren Arbeitskraft und Schaffens¬ leichtigkeit des Meifters erinnern. Vielleicht Helle ich einen Vergleich mit Tizian an u. dgl. Alle diefe Urteile können ein unfchädliches Nebenher bilden, das die künftlerifche Verfenkung in das Gemälde in keiner Weife merklich Hört. Man muß lieh davor hüten, das äfthe- tifche Verhalten in allzu akademifche und regelmäßige Formen zwängen zu wollen. 3. Hier gilt es, vor einer Verwechfelung zu warnen. Es gibt Urteile, die unmittelbar einen Teil des äfthetifchen Gegenftandes bilden. Diefe Urteile gehören natürlich nicht hierher. In unterem Zufammenhange haben wir es nur mit Urteilen über den äfthetifchen Gegenftand zu tun. Wenn dagegen der älthetifche Gegenftand felbft teilweife aus Urteilen befteht, fo ift natürlich diefes Urteilen geradefo wie das Anfchauen oder Fühlen ein Beftandteil des ganz eigentlichen äfthetifchen Verhaltens. Ich will diefe Urteile gegenftändlich ge¬ forderte Urteile nennen. Was hier gemeint ift, kommt allenthalben in der Dichtkunft vor. Man nehme irgend eine Erzählung. Sie verläuft in einer Aneinander¬ reihung von Urteilen. Diefe Urteile haben wahrfcheinlich großenteils Einzeldinge zum Subjekt. Doch finden fich daneben auch Urteile, deren Subjekt ein Begriff ift. Zum äfthetifchen Aufnehmen und Ge¬ nießen der Erzählung gehört daher ohne Zweifel, daß wir die vom Dichter in der Sprache niedergelegten Urteile vollziehen. Nun find diefe Urteile allerdings, falls die Erzählung ktinftlerifch gehalten ift, nicht abgefonderte Denkakte, fondern fie verlaufen gefühlsmäßig und anfchaulich; es ift ein Urteilen, das fich in Verfchmelzung mit Phantafie- anfehauung und in Begleitung von Gemütsbewegungen vollzieht. Aber ein Urteilen bleibt es darum doch. Und ebenfo verhält es fich mit dem Drama. Man denke etwa an Wallenftein, Taffo, Fault: felbft Urteile, die allgemeine Wahrheiten enthalten, gibt es in ihnen die Fülle. „Es irrt der Menfch, fo lang er ftrebt“; „die Sorge niftet gleich im tiefen Herzen“; „Genießen macht gemein“; „dem Tüchtigen ift diefe Welt nicht ftumm“; „alles Vergängliche ift nur ein Gleichnis“: diefe allgemeinen Urteile aus Fault find Teile des äfthetifchen Betrachtens und Genießens felbft. Und fo gibt es natürlich auch in der Lyrik gegenftändlich geforderte Gegen¬ ftändlich geforderte Urteile.