272 Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Äfthetik. Temperatur¬ empfin¬ dungen. in dem Betrachter Kraft- und Druckempfindungsreproduktionen ent¬ liehen, die mit dem Gefichtseindruck verfchmelzen. Auch hier find natürlich diefe Empfindungen nicht ein Letztes; es wäre eine falfche Befchreibung des inneren Vorganges, wenn man fagen wollte: die ganze Einfühlung beftehe darin, daß die Raumformen fo ausfehen, als ob wir in ihnen Schweres oder Leichtes empfänden. Sondern es kommt weiter darauf an, daß fich in Anknüpfung an die Repro¬ duktionen der Kraft- und Druckempfindungen das entfprechende finnlich-geiftige Lebensgefühl entfaltet, als deffen Ausdruck dann die Raumform erfcheint. Hieran reihen fich Fälle, in denen fich an der Einfühlung die Empfindung des Harten und Weichen beteiligt. Es gibt Formen, die hart,- andere, die weich erfcheinen. Wenn ich freilich von den weichen Formen einer nackten weiblichen Geftalt von Tizian oder von den harten Formen an dem David oder Johannes dem Täufer von Andrea del Verrocchio fpreche, oder wenn ich die Form eines Pfirfichs als weich bezeichne oder von einem Apfel fage: er fieht hart aus, fo gehört dies nicht hierher. Denn mit diefen Bezeich¬ nungen ift die Ergänzung des Gefichtseindrucks durch die im eigent¬ lichen Sinn verftandenen reproduzierten Tafteindrücke gemeint. Man will fagen: wenn man die weiblichen Geftalten, die Tizian gemalt hat, oder die männlichen Geftalten, die Verrocchio dargeftellt hat, in ihrer Wirklichkeit betaften könnte, fo würde man dort die Empfindung des Weichen, hter die des Harten haben; und ebenfo: wenn wir den Pfirfich oder den Apfel wirklich befühlten, fo würde uns die Emp¬ findung des Weichen oder des Harten zu teil werden. Wenn wir dagegen die Formen gotifcher Geräte als hart empfinden im Ver¬ gleiche zu Renaiffanceformen, fo find hier die Taftempfindungen in fymbolifchem Sinne verwandt. Behält doch die Bezeichnung ihre volle Gültigkeit, auch wenn die verglichenen Erzeugniffe aus dem- felben Metall hergeftellt, alfo für das wirkliche Empfinden gleich hart find. Auch Temperaturempfindungen können bei Betrachtung von Raumformen fymbolifch eingreifen. Auch abgefehen von der Farbe kann fchon die Formgebung als folche den Eindruck des Warmen oder Kalten hervorrufen. So habe ich das Gefühl: die Formen der Renaiffancebaukunft beifpielsweife erfcheinen kühl im Vergleiche mit den Formen moderner Bauftilverfuche. Der moderne Bauktinftler ift beftrebt, die Formenfprache, die er durch die Bauglieder und ihre