266 Zweiter Abfchnitt: ßefchreibende Grundlegung der Äfthetik. Eimühlung in bewegte unter- menfchliche Raum¬ formen. gefühl erfüllt zu fein, eine Art von Stimmungsfeele in fich zu bergen. Das Hinzutreten alfo der fymbolifchen Sinnesempfindungen zu der Farbenwahrnehmung ift fehr weit entfernt davon, die ganze Einfühlung oder auch nur die Hauptfache darin zu fein. 6. Wenn ich jetzt zur Betrachtung der Symbolik der unter- menfchlichen Raumformen übergehe, fo kann ich mich nach der eingehenden Behandlung der Farbenfymbolik kürzer faffen. Wir wenden uns zunächft den bewegten oder als bewegt dargeftellten Raumformen zu. Hier ift, wie bei den Bewegungen der Menfchen- geftalt, den Bewegungsempfindungen ein breites Feld aufgetan. Hüpfende Bäche, fich wälzende Wogen, ftürzende Wafferfälle, eilende Wolken, niederfahrende Blitze, fich wiegende Grashalme, fiurmgepeitfchte Bäume, flatternde Haare und Gewänder: dies alles fordert uns zu Bewegungsempfindungen auf, fei es daß wir fie in reproduzierter oder in wirklicher Form vollziehen. Bald drückt fich in den wahrgenommenen Bewegungen wilde Wut, befinnungslofe Leidenfchaft, bald ftolze Kraft, mutiges Drängen, bald mutwilliger Scherz, neckendes Spiel aus. Für alle diefe Fälle nun ift es zweifellos von Vorteil, wenn die uns durch Natur oder Kunft gebotenen Bewegungen von uns durch entfprechende Bewegungsempfindungen oder deren Reproduktionen begleitet werden. Auch unbefeelten Dingen gegenüber regt fich in uns unwillkürlich ein folcher Drang. Hiermit ift ein erfter Anfang in der Befeelung der Bewegungen untermenfchlicher Dinge gemacht: es ift durch die Bewegungsempfindungen ihren Bewegungen etwas von menfchlicher Kraft gegeben, fie haben als Innenfeite ein menfchen- ähnliches Streben erhalten. Es kommt dann aber auch hier weiter darauf an, daß fich hieran die verwandten Stimmungen und Leiden- fchaften fchließen (wie ich deren einige vorhin zum Ausdruck ge¬ bracht habe). Vergegenwärtigen wir uns z. B. Gott-Vater, wie ihn Michelangelo wie Sturmwind dahinbraufend bei Erfchaffung der Welt und Adams dargeftellt hat. Auch fein wehendes, fich baufchendes Gewand erhält von unterer Einfühlung etwas von der koloffalen Willens- und Herrfchaftsbewegung, von der Gott-Vater erfüllt ift. Er¬ leichtert aber wird diefe Leidenfchaftsbefeelung durch die Bewegungs¬ empfindungen, mit denen wir in unwillkürlichem Nachahmen die Bewegungen des Mantels verfolgen. Auch hier findet alfo eine Um- fetzung der Bewegungsempfindungen in das Seelifche ftatt. Diefe Umfetzung verläuft allerdings etwas anders als in der Farbenfymbolik.