262 Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Äfthetik. Affoziative Einfühlung in Farben. zerfleifchung in Gemetzel oder Folter kann in Farben gehalten fein, die ausfehen, als ob widriger Geruch von ihnen ausftrömte. Hier greifen reproduzierte Geruchsempfindungen in die fymbolifche Einfühlung ein. Ob Gefchmacksempfindungen ein Mittelglied bilden können, ift mir mindeftens zweifelhaft. Die Bezeichnung „füß“, die man, wie auf Unzähliges, auch auf Farben anwendet, ift kein Beweis. Denn das Wort „füß“ hat hier die ganz abgeblaßte Bedeutung des in befonderem Grade Angenehmen. Wenn ich dagegen bei Köftlin lefe, daß er den Eindruck des Violett als herb und bitter fchildert,1) fo könnte man wenigftens die Frage aufwerfen, ob hier nicht eine Gefchmacksrepro- duktion anklinge. Was die Gehörsempfindungen betrifft, fo find fie zweifellos mittätig, wenn gewiffe Arten von Rot und Gelb einen fchreienden Eindruck machen. Es gibt lärmende, pofaunende, pol¬ ternde, quietfchende, flüfternde Farbenzufammenftellungen. Auch Organ- und Bewegungsempfindungen greifen vielfach vermittelnd ein. Es gibt Farben und Farbenzufammenftellungen, die den Ein¬ druck des Gefunden, Lebensfrifchen, andere, die den Eindruck des Kränkelnden, Abfterbenden machen. Hier liegen ohne Zweifel gewiffe Anklänge von Organempfindungen vor. Auch der Eindruck des Ge- fättigten, Satten, den gewiffe Farbenftufen machen, gehört hierher. Wenn dagegen manche Farben etwas Emporfahrendes, andere etwas Abgrund¬ tiefes zu haben fcheinen, fo find in diefen Fällen Bewegungs- empfindungsanklänge dem Sinneseindruck zugefellt. Hier haben wir alfo motorifcheSymbolik auf dem Gebiet der Farbenempfindung. Es kann nun nicht fraglich fein, daß bei den Farbeneindrücken auch viel affoziative Symbolik im Spiel ift. Der Eindruck des Grün z. B. ift zum Teil dem vermittelnden Eingreifen unteres Er- fahrungswiffens von dem Grün als der Farbe der Wiefen und des Waldes, als der Farbe der lebendigen, zeugungskräftigen Natur zuzu- fchreiben. Der Eindruck des Blau ift zweifellos oft von der Erinnerung an die Himmelsbläue, der Eindruck des Rot von der Erinnerung an das Blut abhängig. Und an den Eindruck, den bleiche, fahle Farben hervor¬ bringen, dürfte wohl unfer Erfahrungswiffen von dem Vorkommen folcher Farben an kränklichen und vergrämten Menfchen mitbeteiligt fein.2) *) Köstlin, Äfthetik, S. 488 f. 2) Man vergleiche zu diefem ganzen Abfchnitt die trefflichen, aus kraftvollem Schauen und finnreichem Fühlen ftammenden Ausführungen Friedrich Vischers (Äfthetik § 247 ff.) und Köstlins (Äfthetik S. 462 ff.) über die Stimmungsbedeutung der Farben.