Projektion des Gefühls. 248 Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Äfthetik. äfthetifche Einfühlung nur einen verhältnismäßig kleinen Ausfchnitt bedeute. Überall aber, wo Einfühlung vorliegt, ift auch jene intuitive Einheit gegeben, die ich als Verfchmelzung bezeichne. Freundfchaft, Liebe, Mitleid, Güte, ebenfo aber ftrenge moralifche Beurteilung und Verurteilung, fodann Intereffe am Kennenlemen von Menfchen, Freude an Erweiterung des menfchlichen Gefichtskreifes, aber auch Erforfchen und Ausfpähen der Nebenmenfchen im Dienfte der Klugheit und Selbftfucht — dies alles führt lebhafte Einfühlung, alfo auch Ver¬ fchmelzung mit fich. Durch die unmittelbar vorangegangenen Betrachtungen aber find wir auch darauf hingewiefen worden, daß es Einfühlung von Vor- (tellungen gibt. Und diefe Einfühlung ift gleichfalls fo wenig auf das äfthetifche Gebiet eingefchränkt, daß vielmehr allenthalben, wo uns ein Gegenftand ein bekanntes Gefleht zeigt, diefe Art von Einfühlung vorliegt. Wo immer im gewöhnlichen Leben die Dinge für uns das Ausfehen ihrer Bedeutung haben, ift die Bewußtfeinsfunktion der Ver¬ fchmelzung in Tätigkeit getreten. Soweit uns alfo die Dinge als bekannt erfcheinen, ift Verfchmelzung vorhanden, Dies gilt fowohl für die Fälle, wo der Bekanntheitseindruck die entwickeltere Form zeigt, d. h. mit dem ausdrücklichen Bewußtfein von der Bedeutungs- vorftellung verbunden ift, als auch für die bei weitem zahlreicheren Fälle, wo der Bekanntheitseindruck die übliche gefühlsmäßige Ab¬ kürzung erfahren hat. Natürlich find unter den „Dingen“ hier auch die Schalläußerungen, insbefondere die Worte mitbefaßt. Wenn ich die gehörten oder gelefenen Worte verftehe, fo liegt hier gleichfalls Bekanntheitseindruck vor. Mit dem Lautbilde wird die entfprechende Bedeutungsvorftellung oder der abgekürzte Vorgang, der an ihre Stelle getreten ift, „verfchmolzen“. Wenn mir dagegen ein Ding oder Wort unbekannt ift und ich mir erft durch Erkundigen und Forfchen die Bedeutung des Dinges oder Wortes klarmache, dann liegt vorerft keine Einfühlung und keine Verfchmelzung vor. Hier kommt es zu- nächft zu einem Nebeneinander von Ding oder Wort und Bedeutungs¬ vorftellung, alfo zu bloßer Affoziation. Erft bei wiederholtem Sehen oder Hören erfcheint das früher fremd gewefene Ding oder Wort als bekannt. Dann ift es zu Einfühlung oder Verfchmelzung ge¬ kommen. 8. Jetzt enthält auch die Projektion der Gefühle, die mit aller Einfühlung verknüpft ift, nichts Rätfelhaftes, ja überhaupt keine Schwierigkeit mehr.