412 Gradueller Unterschied zwischen Freundschaft und Bekanntschaft. ein solches bestimmt abgegrenztes Revier hat. Das unterscheidet sie von den Familienverhältnissen, -welche mit verschiedentlich abgestufter Gefühlswärme das ganze Lebensgebiet umfassen, vor Allem von der umfassendsten Lebensverbindung, der vollen Lebensgemeinschaft der Ehe. Man verlangt von allen den vielen Personen, mit denen man in Berührungen des Verkehrs oder Umganges tritt, weiter Nichts, als dass sie der besonderen Art der Beziehung, in der man zu ihnen steht, ent¬ sprechen, der Tabakshändler gute Cigarren führt, das eingeladene Tanz¬ bein gut walzt, derjenige, dessen Unterhaltung wir an der Bierbank oder auf der Promenade aufsuchen, je nachdem es ist, selbst die Unter¬ haltung führt oder uns verständnissinnig zuhort. Darüber hinaus ver¬ langen wir wohl allgemeine Respektabilität, Höflichkeit, Verträglichkeit, nehmen etwaige sonstige schätzbare Eigenschaften ganz gerne in den Kauf. Aber wir erwarten und wollen von dem Betreffenden weiter Nichts. Und wenn das Band sich ausdehnt und eine neue Rich¬ tung mit zu umfassen beginnt, so ist das für uns eine neue Be¬ kanntschaft. In der Regel will man das auch gar nicht, will in den allermeisten Verhältnissen über eine kühle Freundlichkeit nicht hinaus und betrachtet es als einen Fehler, wenn eine Bekanntschaft plötzlich zu intim wird. In allen diesen äusserlich formalen Charakterzügen zeigt sich nun die Freundschaft den eben betrachteten Verkehrs- und Umgangs¬ verhältnissen durchaus verwandt. Wenn wir von jenen idealen Jugend¬ schwärmereien absehen und das vollkommenste Freundschaftsverhältniss, welches auf Erden denksar ist, in Betracht ziehen, so kann es immer nur ein T heilgebiet des beiderseitigen Lebens um¬ fassen. Zur vollen Lebensgemeinschaft kann sie nie werden. Man müsste sich dann schon zwei alte Junggesellen denken, mit gemeinschaftlicher Wohnung, ohne sexuelles Bedürfniss, ohne oder mit gemeinschaftlichem Beruf. Jedenfalls wäre das schon ein höchst zufälliges und sicherlich mehr sonderbares als ideales Verhältnis. Wenn schon Jean Paul in einer Periode, wo die Freundschaftsschwärmerei noch in vollster Bliithe stand, den Ausspruch that: „Freunde müssten Alles gemeinsam haben, nur die Stube nicht,“ so kann man heute dem hinzufügen, dass je mehr sie gerade gemeinsam haben, desto mehr Gefahr für denFortbestan d ihrer Freund- schaft vorhanden ist. Darin wird kein vernünftiger Mensch das Wesen und den Werth der Freundschaft suchen, dass man möglichst viele Dinge gemeinsam hat, gemeinsam benutzt und gemeinsam thut, wohl aber darin, dass man die vorhandenen Beziehungen unter sich lebendig erhält und mit warmem Gefühlsleben erfüllt. Dürfen wir nun als den wahren Wesenskern der Freundschaft die Hochachtung, das Vertrauen, die Aufopferungsfähigkeit, die Liebe betrachten, so leuchtet ein, dass in Alle