Scham des Mannes, Naturalien schäm. 279 liehe Situationen, in denen wir uns dem Gelächter oder Ge- spötte Anderer oder einem mehr oder weniger allgemeinen Aufsehen preisgegeben fühlen. Noch ist mit einigen Worten auf die sexuelle Scham zurückzukommen, nämlich mit der Bemerkung, dass dieselbe auf Seiten des Mannes sich ganz anders zeigt als auf Seiten des Weibes, was eben in der ganz verschiedenen Stellung beider zum Geschlechtsleben seinen Grund hat. Alles das¬ jenige, was wir als die wesentlichen Faktoren des sexuellen Schamgefühles des Weibes anführten, findet auf den kecken, werbenden, erobernden, aller Lasten und Gefahren ledigen Mann keine Anwendung. Sein sexuelles Schamgefühl ist da¬ her mit demjenigen des Weibes gar nicht auf eine Stufe zu stellen: es ist eine Uebertragung des letzteren, und zwar eine Uebertragung durch Rückwirkung und Anerziehung. Indem nämlich das schamhafte, auf Wahrung seiner Ehre bedachte Weib des männlichen Angriffs sich erwehrt, und zwar um so entschlossener und entrüsteter, je zudringlicher und un¬ verschämter derselbe war, so übt die Furcht, dem zarteren Geschlecht zu missfallen gleichfalls durch Sitte und Ge- eine analoge wohnheit verschärft und tiefer eingeprägt — Wirkung aus. Dieses mehr abgeleitete Schamgefühl steht nun schon in engem Zusammenhänge mit der Scham über Nuditäten und Naturalien. Bei dieser können sexuelle Rücksichten und Einflüsse mit hineinspielen, und sie thuen es oft in hohem Grade. Trotzdem wäre es aber verfehlt, beide Arten von Schamgefühl zu konfundiren, da sie, wie bereits oben gezeigt, völlig unabhängig von einander Vorkommen können. Bei der Scham über Naturalien und Nuditäten kommt es vielmehr ganz wesentlich nur auf Sitte und Gewohnheit an. So schämt sich der an die Einzelzelle Gewöhnte, in grösserer Gemein¬ schaft zu baden, und wer in der Disciplin der Schwimm¬ bassins und Badehosen aufgewachsen, fühlt sich unangenehm berührt, wenn er Leute ohne dieses Feigenblatt umheflaufen sehen muss.