KRITIK DER EINFÜHLUNGSTHEORIE. 539 ausgeschlossen, daß ich körperliches Wohlgefühl in sie und ihre Formen einfühle, und wenn Lipps an solchen Gestalten ein ihm sonst ungewohntes körperliches Glücksgefühl erwächst, so ist klar, daß das nicht ein Gegenstandsgefühl ist, ein Gefühl, das dem Gegenstand selbst angehört oder ihm anzugehören scheint, sondern ein reaktives Gefühl, ein Anteilsgefühl, das nur der Beschauer hat, ohne daß er es dem Gegenstand und seinen Formen leihen darf. Lipps versichert oft genug, im Einfühlen sei der Einfühlende in ungestörter Einheit mit dem Gegenstand (vgl. Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, 22. Bd. S. 431 : »ich existiere nur als der sich Ein¬ fühlende oder als der Dreingefühlte«): wie kann er das, wenn er zu¬ gleich das Bewußtsein haben muß, daß der Gegenstand das, was er in ihn hineinfühlt, gar nicht hat? Also schon soweit der Charakter als Prädisposition zu bestimmten Gefühlen zu betrachten ist, erheben sich Schwierigkeiten für die Ein¬ fühlungstheorie: wir müßten bald Gefühle einfühlen, die der Gegen¬ stand, dem das Einfühlen gilt, hat, bald solche, die er nicht hat, und zwar mit dem Bewußtsein, daß er sie nicht hat. Aber die Schwierig¬ keiten steigern sich, sobald es sich beim Charakter nicht um die Hinneigung zu einzelnen bestimmten Gefühlen, sondern um ge¬ wisse Betätigungsweisen des Fühlens handelt, die sich in allen einzelnen Gefühlen wiederholen. Leidenschaftlichkeit ist ein häufiger Charakterzug: aber damit ist nicht die Richtung auf ein bestimmtes Gefühl gemeint, sondern eine gleichbleibende Art, jedes Gefühl zu gestalten; der Leidenschaftliche steht unter dem Drang, jedem Gefühl rasch einen hohen Erregungsgrad zu geben. Ähnlich ist es mit den Charaktereigenschaften der Wärme oder Kühle des Seelenlebens, der Gemeinheit oder Vornehmheit des Empfindens, der Oberflächlichkeit oder Tiefe des Fühlens. Ich kann wohl Freude und Begeisterung, Liebe und Mitleid, Haß und Neid nachfühlen : das sind wirkliche Ge¬ fühle; aber ich stehe ratlos vor der Aufgabe, in die Züge eines Por¬ trätkopfes Vornehmheit oder Gemeinheit, leichte oder langsame Erreg¬ barkeit, Oberflächlichkeit oder Tiefe des Empfindens »einzufühlen«. Ich kann mir psychologisch dabei nichts denken; jeder Versuch, mir das an der eigenen Erfahrung klarzumachen, scheitert. Was ist in mir, wenn ich Oberflächlichkeit oder Vornehmheit des Fühlens fühle, und wie dürfte ich ein solches Gefühl, wenn ich es je in mir haben könnte und mithin hätte, in den anderen hinüberlegen, wie dürfte ich es in dem anderen fühlen? Denn es ist ja klar, daß der vornehm oder oberflächlich oder kühl Fühlende für gewöhnlich nichts fühlt von dieser Art seines Fühlens; würde er sie fühlen, so käme ein ganz anders geartetes Gefühl1 in seine Seele. Der vornehm Fühlende, der