538 THEODOR A. MEYER. Das tritt vollends deutlich zutage, wo die dauernde, aber augen¬ blicklich latente Charaktereigentümlichkeit einer Gestalt in einem ge¬ wissen Gegensatz steht zu einer Gefühlserregung, die sie vorüber¬ gehend ergreift. Das Leben und die Kunst zeigen uns eine Frau, in deren Zügen sich unverkennbar Sinnlichkeit ausprägt, auch wohl ein¬ mal von Angst, von Furcht, von Entsetzen gepackt. Ich erinnere an gewisse Frauengestalten von Correggio. In solcher Lage ist es ganz ausgeschlossen, daß der sinnliche Charakterzug aktiv werde in einem sinnlichen Gefühl; es liegt uns deshalb auch ganz fern, sinnliche Er¬ regung in sie hineinzufühlen. Lipps sagt gelegentlich einmal (Ästhetik I, 150 und ähnlich I, 140 und 141), »es sei ganz gleichgültig, ob der Träger der Formen selbst etwas von den Gefühlen fühlt, die wir in ihn hineinlegen«. Dieser Satz ist zweifellos richtig, solange wir in der Täuschung befangen sind,~als sei die betreffende Gestalt oder Er¬ scheinung von einem Gefühl erfüllt, das ihr in Wirklichkeit nicht zu¬ kommt; die Stimmungslandschaft ist ein Stück fühlloser Natur; aber im naiven Akt der ästhetischen Beschauung sind wir überzeugt, daß in ihr ein Seelisches geheimnisvoll webt, und deshalb legen wir un¬ befangen eine Stimmung in sie hinein. Beim Charakteristischen des menschlichen Seelenlebens dürfen wir uns dieser Täuschung nicht hingeben, sie würde zu beständigem Irrtum, zu fortgesetzt falscher Deutung des Seelenlebens führen. In Wirklichkeit besteht diese Ge¬ fahr auch nicht einmal: ich finde, daß wir in der intuitiven Auf¬ fassung des Seelenlebens das Charakteristische und die Gefühlserregung vortrefflich auseinanderzuhalten wissen. Lipps macht die angeführte Bemerkung anläßlich der schönen Formen dès weiblichen Körpers; er sagt (Ästhetik I, 149): »ich fühle in den schönen weiblichen Formen ein eigenartig kraftvolles, gesundes, schwellendes, blühendes Leben: ich habe ein körperliches Wohlgefühl, das nirgends anders als in den wahrgenommenen Formen lokalisiert ist — ich finde mich in der ästhetischen Betrachtung solcher Formen durch die Form hindurch¬ sehend und auf ein eigentümliches Leben hinsehend und finde daraus ein Glücksgefühl mir erwachsend, das ich sonst nicht kenne.« Gewiß ist es möglich, körperliches Wohlgefühl in die Formen einer Frau hineinzufühlen, solange der seelische Zustand der Frau ein körper¬ liches Wohlgefühl nicht ausschließt. Wie aber, wenn diese Frau in einem Gefühlszustand erscheint, der jegliches körperliche Wohlgefühl unmöglich macht? Eine Magdalena von blühenden üppigen Formen liege am Boden, mit allen Zeichen der Zerknirschung in die Leidens¬ gestalt des Gekreuzigten vertieft; eine Frauengestalt von herrlichster Körperbeschaffenheit weile mit träumenden Blicken in der Ferne oder senke in schwerer Melancholie das Haupt; dann ist es vollständig