KRITIK DER EINFÜHLUNGSTHEORIE, 537 wohl auch von manchen Zustandsszenen kann dasselbe gesagt werden. Die Porträtmalerei hat das Charakteristische zu ihrem Inhalt: sie ist die Kunst der Charakterdarstellung; und das Charakteristische hat in der Kunst annähernd dieselbe Bedeutung wie die Oefühlserregung und die mit ihr zusammenhängenden Phänomene des Seelenlebens. Nun wird man freilich erstaunt fragen, wie man denn zwischen Gefühl und Charakter einen scharfen Unterschied machen könne; Charakter sei doch nichts anderes als eine habituell gewordene Art zu fühlen, eine Prädisposition zu bestimmten Gefühlen. Deshalb müsse sich der Charakter so gut wie das eigentliche Gefühl dem Nachfühlenden er¬ schließen. Diese Annahme hat es verschuldet, daß man in der Ästhetik nirgends einer Scheidung von Gefühl und Charakteristischem begegnet und daß man der Frage gar nicht näher getreten ist, wie das Charak¬ teristische, das sich uns in der Erscheinung darstellt, angeeignet wird. Nun trifft ja die erwähnte Auffassung des Charakteristischen für bestimmte Seiten des Charakters zu. Es gibt lebensfrohe und schwer¬ mütige, bescheidene und freche, stolze und demütige, keusche und sinnliche Naturen; gewiß sind dies bereitliegende Dispositionen zu bestimmten Gefühlen. Aber eben damit ist auch schon ein gewisser Unterschied vom Gefühl da: sie liegen wohl bereit, aber sie sind auch häufig nicht in Aktion und deshalb auch in solchen Augenblicken nicht als Gefühle vorhanden in den Persönlichkeiten, denen sie an¬ gehören. Sie sind häufig latent, und der Künstler kann sie als latent darstellen, d. h. eben in der Form, in welcher sie nicht als Gefühle gegenwärtig sind. Dieser Unterschied in der Beschaffenheit der beiden seelischen Zustände bewirkt auch einen Unterschied in ihrer Aneig¬ nung. Wir wünschen doch das seelische Leben der uns gegenüber¬ tretenden Gestalten mit möglichster Schärfe zu erfassen; es wäre ver¬ kehrt, wenn wir Dispositionen zu Gefühlen für wirklich vorhandene Gefühle nähmen. Wir nehmen deshalb charakteristische Eigenschaften wohl wahr, aber wir fühlen die ihnen zugrunde liegenden Gefühle, so¬ lange diese nicht in Aktion sind, nicht in die Träger der charakte¬ ristischen Eigenschaften ein; wir legen sie ihnen nicht bei in der Form von Gefühlen; es fällt uns gar nicht ein zu meinen, diese Frau, um deren schönen Mund ein leichter Zug von Sinnlichkeit spielt, sei augenblicklich von sinnlichen Gefühlen bewegt und wir müßten des¬ halb etwas wie sinnliches Begehren in sie hineinfühlen. Im Augen¬ blick, da wir sie sehen oder in dem sie der Porträtmaler festgehalten hat, ist sie in vollständiger seelischer Ruhe, und wir würden ihren Gemütszustand falsch deuten, wenn wir die sinnliche Erregung, die nach der gangbaren Einfühlungstheorie der sinnliche Zug in ihrem Gesicht in uns hervorruft, in sie hinüberfühlen würden.