536 THEODOR A. MEYER. schiedenartiger Gefühle, die wir »billigen« sowie überall da, wo starke Anteilgefühle sich regen. Wenn also das Unterbleiben des Einfühlens an solchen Stellen nicht hindert, daß uns der Seelenzustand der dar¬ gestellten Gestalten mit nachdrücklichster Kraft gegenwärtig wird, so wird der Schluß berechtigt sein, daß wir überall auch sonst ohne Ein¬ fühlen zu einem lebhaften ästhetisch vollen Erfassen des Seelischen gelangen können. Geht also die Einfühlungstheorie nach der einen Seite viel zu weit, wenn sie das Einfühlen zur Bedingung der vollen Auffassung des seelischen Gehalts macht, so bleibt sie anderseits weit hinter ihrer Aufgabe zurück. Die Einfühlungstheorie geht von der naiven An¬ nahme aus, als sei das Innere, das sich uns in der Erscheinung enthüllt, ausnahmslos Gefühl oder als lasse es sich in letzter Hinsicht auf das Gefühl zurückführen. Einfühlen besagt ja nichts anderes, als daß wir das durch die Erscheinung in uns geweckte Gefühl in die Erscheinung als das ihr eigene Leben zurückverlegen. Wie, wenn es sich zeigen ließe, daß das Innere, das wir in der Erscheinung als ihre Seele finden, gar häufig mit Gefühl nichts zu tun hat? Dann wäre klar, daß wir uns das Innere des ästhetischen Gegenstands in all den zahlreichen Fällen, in denen es nicht gefühliger Natur ist, auch nicht durch Einfühlen aneignen könnten. Gewiß hat das Gefühl eine unermeßliche Bedeutung und eine be¬ herrschende Stellung im Lebensprozeß. Das Wollen ist aufs engste mit dem Fühlen verknüpft, nur durch das Gefühl wird unser Wille in Bewegung gesetzt, und auch das Vorstellen, das seinem Wesen nach die objektive Seite unseres Bewußtseins vertritt, ist häufig durch Ge¬ fühle veranlaßt, ist immer von Gefühlen begleitet und mündet immer in Gefühle aus. Diese zentrale Stellung des Gefühls im Lebensprozeß macht die Voraussetzungen der Einfühlungstheorie verständlich, wenn sie auch keineswegs ihre Berechtigung erweist. Denn das Gefühl ist nicht das einzige, was uns der ästhetische Gegenstand an seelischem Leben zu enthüllen vermag; es macht trotz der unermeßlichen Be¬ deutung, die es fürs Leben hat, doch nur die eine Hälfte dessen aus, was sich an Seelischem im Schönen erschließt. Mit Recht weist Volkelt (Ästhetik I, 170 f.) auf die zahlreichen gefühlskahlen Stellen hin, die sich in der Poesie finden, aber er täuscht sich, wenn er hinzufügt (I, 170), daß es »außerhalb der Dichtung zu gefühlsbaren Vorstellungen nur in dem Fall kommen kann, daß der Künstler ein mittelmäßiges oder schlechtes Werk geliefert hat«. Gefühlsarme Stellen sind nicht bloß in der Dichtung vorhanden, sondern vor allem auch in der bildenden Kunst. Es gibt in der Malerei eine ganze Gattung, in der man nur ausnahmsweise Gefühlen begegnet, die Porträtmalerei, und