KRITIK DER EINFÜHLUNGSTHEORIE. 535 zu einem neuen einheitlichen Gefühl verschmelzen, weil sonst die Klarheit beeinträchtigt wäre, mit der wir das Seelenleben der uns gegenüberstehenden Gestalten zu deuten suchen. Wie könnten wir den Jubel des tragischen Helden über die vermeintliche Lösung des Konflikts in einem Ernstgefühl miterleben zu gleicher Zeit, da wir hellsichtiger als er das Verhängnis in banger Sorge über ihn herein¬ brechen sehen? Können wir mehr als Onkel Bräsigs Zärtlichkeit für Frau Nüßler wahrnehmen, wenn wir zugleich über sie in vergnügtes Lachen ausbrechen. Das Drama erregt die Anteilsgefühle in besonderer Stärke; ich kann deshalb auch, wenn ich von meiner persönlichen Erfahrung reden darf, einen ganzen Abend im Theater sitzen, ich kann vollständig ergriffen und hingerissen sein von dem vorgeführten Drama, ja, diese Ergriffenheit kann auf meinen Körper übergegriffen haben; an Stellen von erregter Spannung mag ich den vorher an die Lehne des Sitzes gedrückten Leib unwillkürlich aufgerichtet und vorwärts geschoben haben, bei der Erwartung des Schrecklichen mag der Atem gestockt haben, beim Eintreten des rettenden Umstands mag ich be¬ ruhigt aufgeatmet haben, trotzdem bemerke ich am Schluß des Stücks zu meinem Erstaunen, daß ich die Gefühlszustände der handelnden Personen kaum einmal mitgefühlt habe. Ich habe Gretchens Liebe, ihre Angst um den Verlust des guten Namens, ihr Entsetzen vor dem Tod durch Henkershand wohl aufs lebhafteste wahrgenommen, aber ich habe diese Zustände nicht in Ernstgefühlen mitgefühlt. Gewiß bin ich bei Gretchens Anblick nicht fühllos geblieben: sie hat mich entzückt, sie hat mein tiefstes Mitleid erregt, an ihrem Leiden ist das Weh alles Menschenseins über mich gekommen; aber das sind Anteils¬ gefühle gewesen, keine Gegenstandsgefühle, und gerade diese haben sich nirgends eingestellt. Und das ist nicht zu verwundern; denn kräftige Reaktionsgefühle nehmen den Gegenstandsgefühlen den Platz weg. Und natürlich ist diese Erscheinung nicht allein auf das Drama beschränkt. Wem erwärmte die Hausmütterlichkeit Lottens in der be¬ kannten Wertherszene oder die Mutterfreude der Madonna auf den Gemälden der alten Meister nicht das Herz? Aber eben weil wir das Herzerquickende dieser Gefühlszustände so tief fühlen, fehlt der Raum, auch noch diese Gefühlszustände in einem davon verschiedenen Ge¬ fühl selbst zu fühlen. Ich wüßte nicht, daß mich Lotte je zur Haus¬ mütterlichkeit oder die Madonna zur Mutterfreude gestimmt hätte. Es kann also keine Rede davon sein, daß das Ideal der Deutung des Seelischen am Kunstwerk das Mit- und Einfühlen wäre; im Gegen¬ teil: ein solches Verhalten ist vielfach durch die Beschaffenheit des Kunstwerks ausgeschlossen, nicht bloß beim Häßlichen, mit dem wir nicht sympathisieren können, sondern auch beim Zusammen ver-