534 THEODOR A. MEYER. schiedene Gestalten zu lokalisieren sind. Noch schlimmer steht es damit im Theater. Wir sehen zu gleicher Zeit die Gesten und das Mienenspiel von zwei oder mehr Darstellern, die im Moment des blitz¬ schnellen Vorüberziehens von uns seelisch zu deuten sind. Kommt es darauf an, lebendig wahrzunehmen, was uns in ihnen an Leben erschlossen wird, so ist die Aufgabe leicht lösbar; aber wie sollen wir in ein und demselben Augenblick Marias jubelnden Stolz und Eli¬ sabeths knirschende Wut in realen Gefühlen mitmachen? Und nun gar vollends beim Duett oder Terzett oder Quartett, wo die eine Figur jubelt, während die andere Rachegedanken brütet? Wo ist solcher Gleichzeitigkeit gegenüber eine Möglichkeit von Ernstgefühlen? Was soll man angesichts solcher Tatsachen zu Lipps’ Behauptung (Ästhetik l, 125) sagen: »Die vollkommene Einfühlung ist ein voll¬ kommenes Aufgehen meiner in dem optisch Wahrgenommenen und dem was ich darin erlebe.« Wie kann man in zwei Gestalten zu¬ gleich vollständig aufgehen? Also man erkläre entweder polyphone Gebilde dieser Art für formale Mißgeburten, weil sie den Bedingungen widersprechen, die für die volle Erfassung unerläßlich sind, oder man gebe zu, daß, wenn solchen Fällen gegenüber das einfache Wahr¬ nehmen des Seelischen ohne Ernstgefühle genügt, Ernstgefühle zum vollen ästhetischen Eindruck nicht erforderlich sind, auch wo sie allen¬ falls zu verwirklichen wären. Nun stellt aber das Kunstwerk nicht bloß die Forderung an uns, das in seinem Äußeren ausgesprochene Leben zu deuten, sondern es hat auch eben als lebenerfüllte Erscheinung selbst wieder auf unser Gefühlsleben Einfluß. Wir erfassen nicht bloß das uns gegenüber¬ stehende Leben, sondern wir nehmen auch in Bewunderung und Ab¬ scheu, in Hingezogen- und Abgestoßensein, in Befriedigung und Un¬ befriedigtsein, in Furcht und Mitleid, in Rührung und heiterem Lachen Anteil an ihm. Diese Anteilsgefühle sind uns in ihrer Verschiedenheit von den Einfühlungsgefühlen wohl bewußt, wir wissen ganz genau, daß die Furcht, die uns für Gretchen befällt, da sie liebe- und ver¬ trauensselig dem Geliebten die verhängnisvolle Zusage gibt, nicht ein Gefühl Gretchens ist, sondern ganz nur unser eigenes Gefühl, das wir in diesem Augenblick nicht in sie einfühlen dürfen. Diese Anteils¬ gefühle pflegen aber bei lebhaften Naturen sehr kräftig zu sein, und wo sie das sind, da können sie es nur auf Kosten der Einfühlungs¬ gefühle sein. Es ist unmöglich, zwei verschiedenartige oder gar ent¬ gegengesetzte Ernstgefühle zu gleicher Zeit zu haben, die im Bewußt¬ sein getrennt gehalten werden müßten und von denen das eine auf das ästhetische Objekt bezogen werden müßte, während mir vom anderen bewußt wäre, daß es nur mir gehört. Sie dürfen auch nicht