Zur Einfühlung. XV. Nachtrag. 489 überspringen gelinge, so erscheine auch bei ihm die Tätigkeit als eine größere. Indessen dies wäre doch nur eine scheinbare Gleichsetzung beider Fälle. Gewiß ist die Tätigkeit des zweiten eine größere als diejenige, die erforderlich wäre, wenn die Furcht vor dem Hemmnis, das überwunden werden soll, nicht da wäre. In der Tat aber wird sie durch die Furcht vor dem Hemmnis in sich selbst gelähmt. Dagegen bleibt die Tätigkeit bei dem, der keinerlei solche Furcht verspürt, durch solche Furcht ungelähmt und kann nur, eben weil sie dadurch nicht gelähmt ist, größer erscheinen. Wie man sieht, haben wir es hier mit einem Gegen¬ sätze zu tun, der bei allem Streben und aller menschlichen Tätigkeit vorliegt und uns aus dem gemeinen Leben wohl bekannt ist. Wir kennen alle den Gegensatz der Tätigkeit, die wächst, indem Hindernisse obwalten, und der Tätigkeit, die durch Hindernisse vielmehr gelähmt wird; der Tätigkeit, die durch Hindernisse zu besonderem Leben geweckt, und der Tätigkeit, die durch dieselben relativ ertötet wird, der Tätigkeit, die wir um der Möglichkeit willen dabei Hindernisse zu über¬ winden, suchen, und der Tätigkeit, die wir aus gleichem Grunde vielmehr fliehen. Wir alle kennen die verlockende Kraft der Hindernisse einerseits und ihre abschreckende Kraft andrerseits. In der Willenslehre und auch in pädagogischer Hinsicht ist dieser Gegensatz von größter Bedeutung. Immer aber ist dies in seiner Wurzel ein Gegensatz der Hemmung, die von außen her das Ergebnis der Tätigkeit bedroht, und der Hemmung, die in der Tätigkeit selbst ihren Sitz hat. Mit uns wohlvertrauten Ausdrücken können wir auch sagen: Im einen Falle ist die Gegentendenz odeç Hemmung bzw. was sie in sich schließt, dem Tätigen gegenständlich, d. h. sie steht ihm gegenüber, im andern Falle dagegen ist sie in ihm und in der Tätigkeit als sein Zustand. Das ist allgemein das die Stärke der Tätigkeit oder die ausgesprochene Willens¬ natur Charakterisierende, daß bei ihr ein Auseinanderreißen und Sichentgegensetzen des zu erreichenden Zieles und der Hemmung stattfindet, dagegen ist es für den Schwankenden, Bedenklichen