2 54 Theodor Lipps. etwa gar die ewigen Himmelsfreuden zu gewinnen, sondern auch die pflichtmäßigen Neigungen, die Neigung, das Rechte zu tun, die Neigung, „die Menschheit in Dir und andern“ zu fördern, den herzlichen Widerwillen gegen die Negation dieser „Mensch¬ heit in Dir und andern“. All unser bewußtes und freies Handeln und nur von solchem Handeln ist hier die Rede, entstammt in der Tat jederzeit und notwendig unserer Neigung oder setzt sie voraus. Immer er¬ streben wir, was uns am meisten befriedigt. Ja, es ist am Ende selbstverständlich, daß all unser Handeln aus unserer Neigung stammt oder eine Neigung zum „Bestimmungsgrunde“ hat. Denn das Streben, aus dem doch ohne Zweifel das bewußte Handeln stammt, ist gar nichts anderes als die Neigung. Alles unser Handeln entstammt der Neigung, dieses heißt gar nichts anderes als alles unser bewußtes und freies Handeln entstamme dem Streben. Und diesen Satz hat noch niemand bestritten. Aber es fragt sich jedesmal, was denn das für eine Neigung sei, aus der ein Handeln stamme, ob etwa die Neigung, über einen anderen sich einen pekuniären Vorteil zu verschaffen, oder die Neigung, das zu tun, was man für recht hält. Geschieht aber, wie wir oben sahen, und wohl für jedermann feststeht, jede Handlung, auch die sittlichste, aus Neigung, oder ist Neigung überall in unserem Handeln der Bestimmungsgrund, und ist dies gar selbstverständlich, dann ist auch kein Handeln in unserem Sinne des Wortes gegenständlich bedingt. Ins¬ besondere kann auch dasjenige Handeln nicht so heißen, in dem bewußt und frei das Rechte geschieht. Auch wer aus rein pflichtgemäßer Neigung heraus handelt, also der Pflicht genügt, oder das Gebot der Pflicht erfüllt, und dies nur tut, weil es nach seinem besten Wissen die Pflicht erheischt, oder weil es so recht ist, ist in seinem Handeln doch nicht gegenständlich be¬ dingt. Daß er es nicht im wahren Sinne des Wortes ist, dies ist um so gewisser, je mehr er frei das tut, was ihm recht scheint, je mehr er also sittlich handelt. Mit anderen Worten, es ist nicht so, als ob die Eigenart meines Handelns in der Natur der Gegenstände notwendig läge, oder mit meiner Auf¬ fassung der Gegenstände notwendig zugleich . gegeben wäre.