i88 Theodor Lipps. stimmten Gegenstandes schon der Analogie wegen zuerkannt werden müsse. Von einer bloßen Tendenz rede ich hier. Und aus selbst¬ verständlichen Gründen. Wie einer bestimmten, so eignet ja eine solche Tendenz auch jeder anderen Auffassungstätigkeit. Es sind also immer viele solche Tendenzen in uns, und diese hindern sich wechselseitig in ihrer Verwirklichung. Ja noch mehr: Allgemeine seelische Zuständlichkeiten der hier in Rede stehenden Art, Stimmungen, können, wie niemandem unbekannt ist, auch Nachwirkungen sein dessen, was in der Vergangen¬ heit von mir erfahren wurde oder auch nur meiner Erinnerung oder Phantasie sich aufdrängte. Es hat also auch Vergangenes, auch wenn dies selbst aus meinem Bewußtsein jetzt entschwunden ist, es hat also auch meine ehemalige Auffassungstätigkeit die „Tendenz“ in solchen allgemeinen Zuständlichkeiten oder Stimmungen nachzudauern. Wie weit also die an eine be¬ stimmte Auffassungstätigkeit gebundene Tendenz der Aus¬ breitung ihres Rhythmus sich verwirklichen, also diese Auf¬ fassungstätigkeit die ihr zugehörige Atmosphäre zur allgemeinen machen kann, dies hängt danach notwendig davon ab, wie weit diese Tendenz in der Konkurrenz gleichartiger Tendenzen der einen und der anderen Art zum Sieg gelangt und in mir herrschend wird. Und dazu kommt, daß ich ja apriori nichts weiß von dem Grade, in dem eine bestimmte Auffassungstätigkeit oder Gattung von solchen, etwa die Farbenempfindung oder die Tonvorstellung, oder andererseits die Geschmacksempfindung oder die kinästhe- tische Empfindung, eine ausgeprägte Eigenart oder einen be¬ sonderen Rhythmus, also ein Vermögen der Ausbreitung einer solchen Eigenart oder eines solchen Rhythmus besitzt. Nur wie es erfahrungsgemäß ist, wissen wir. Dies nehmen wir hier hin ohne es erklären zu wollen. Die Erfahrung aber scheint zu zeigen, daß unser Bewußtsein von Farben und Tönen und Raumgestalten in diesem Punkte bevorzugt ist oder mehr psychische „Weite“ oder „Breite“ oder „Tiefe“ besitzt als die kinästhetische Empfindung, der man soviel zutraut und die so wenig leistet. Es gibt ja auch auf dem Gebiet der Töne die