82 Die Apperzeption. Mannigfaches sich darstellt — nicht nur als irgendwie ein Moment der Übereinstimmung der Teile in sich tragend, sondern als klare und bestimmte Differenzierung eines und desselben Gemein¬ samen, eines gemeinsamen Rhythmus oder Bildungsgesetzes, einer gemeinsamen Grundform usw. Man denke etwa an die Einstimmig¬ keit der Teile eines Bauwerkes1). Ein besonders geartetes Produkt der Verschmelzung aus Tönen sind die Vokalklänge. Auch sie sind Klänge, aber mit eigentüm¬ licher Klangfarbe. Diese entsteht, indem der viele Teiltöne in sich schließende Stimmbandklang durch die auf bestimmte absolute Tonhöhen abgestimmte Mundhöhle hindurchgeht, und demgemäß eine Verstärkung der diesen Tonhöhen entsprechenden Teiltöne erfährt. Denken wir uns vielerlei nicht konsonante, sondern in beliebigem Verhältnis zueinander stehende Töne gleichzeitig gegeben, und neh¬ men wir an, es rage unter ihnen keiner an Stärke allzusehr hervor, so müssen auch diese Töne verschmelzen. Die Nötigung der Ver¬ schmelzung ergibt sich hier einerseits aus der Übereinstimmung, die allen den Tönen eben als Tönen zukommt; andererseits aus der begrenzten Fähigkeit der Seele, vielerlei zumal für sich aufzufassen. Aber diese Töne verschmelzen nun nicht zu dem qualitativ in sich absolut einheitlichen, »glatten« Klang, sondern zu einem Geräusch. Ragt unter den Tönen einer an Stärke genügend heraus, oder sind unter ihnen mehrere, die für sich zu einem Klang verschmelzen können, so entsteht das Klanggeräusch. Solche sind z. B. die stimm¬ haften Konsonanten. Damit ist ]nicht ausgeschlossen, daß entwicklungsgeschichtlich die Geräusche den Tönen vorangehen und ihre eigenen Ent¬ stehungsbedingungen haben. Geräuschempfindungen sind psychische Gesamtvorgänge, die nicht als einfache Differenzierungen eines Ge¬ meinsamen sich darstellen, also, kurz gesagt, in sich ungeordnete Erregungen. Diese nun können einerseits durch das Zusammen- I) Weiteres zur Tonpsychologie in den »Psychologischen Studien«, Heidelberg 1885, und den Aufsätzen »Tonverwandtschaft und Tonverschmelzung« in Zeitschrift f. Psychol, u. Physiol, d. Sinnesorgane, Bd. XIX, und »Zur Theorie der Melodie«, ebenda, Bd. XXVII; endlich in der »Ästhetik«, Hamburg u. Leipzig 1903, Bd. I, S. 450 ff.