28 Grundlegung. Viertens der simultane Kontrast und die gleichfarbige Induktion. Jede optische Erregung einer Netzhautstelle erzeugt oder steigert die komplementäre Erregung in der Nachbarschaft; oder, wie wohl richtiger gesagt werden muß, sie hemmt die gleich¬ artige Erregung in der Nachbarschaft und läßt dadurch die komple¬ mentäre Erregung hervortreten. Läßt man aber objektives Licht einer Farbe länger auf einen Netzhautteil einwirken, so entsteht allmählich die entgegengesetzte Wirkung: Indem die objektiv ge¬ gebene Farbe sich für die Empfindung mehr und mehr dem Grau nähert, erscheint zugleich mehr und mehr die Umgebung in jener Farbe. — Hinsichtlich des sukzessiven und des simultanen Kon¬ trastes, wie hinsichtlich der gleichfarbigen Induktion verhalten sich Schwarz und Weiß, bzw. Dunkel und Hell, ebenso wie die kom¬ plementären Farben. Die Tatsache der Farbenblindheit zwingt zur Annahme beson¬ derer achromatischer Prozesse im Auge, d. h. solcher Prozesse, aus denen lediglich die Grade der Helligkeitsempfindung hervorgehen. Zugleich müssen die Prozesse der Helligkeits- und der Dunkel¬ empfindung gedacht werden als irgendwie sich wechselseitig hervor¬ rufend. Da die bunten Farben jederzeit einen Grad der Helligkeit oder Dunkelheit in sich tragen, so darf nicht ebenso auch von selbständigen chromatischen Prozessen gesprochen werden. Sondern diese können nur Differenzierungen oder Modifikationen des Hell¬ und Dunkelprozesses sein: Es kommt in den chromatischen Prozessen zu dem achromatischen Prozeß oder den achromatischen Prozessen ein neues Moment, oder eine neue, bei den verschiedenen bunten Farben verschiedene Komponente hinzu, welche die Helligkeit bzw. Dunkelheit zum hellen Gelb, dunkleren Grün, noch dunkleren Rot oder Blau macht. Und dabei müssen sich die Gelb- und die Blau¬ komponente, ebenso die Rot- und die Grünkomponente, analog wie die Weiß- und Schwarzprozesse zueinander verhalten; d. h. all¬ gemein, die komplementären Komponenten müssen sich irgendwie wechselseitig hervorrufen oder begünstigen. Das Ausfallen einer dieser chromatischen Komponenten der optischen Erregungsprozesse ergibt die partiale Farbenblindheit. Am häufigsten — bei 2°/0 aller Menschen — findet sich die Rot¬ grünblindheit. Rot und Grün werden dabei grau gesehen. Auch