Die Physiologie des Genusses. 7 Welche enormen Opfer an Mühe und Geld die Menschheit bringt, um durch diese Mittel ihr Genussleben zu fördern, geht zur Genüge aus der ökonomischen Bedeutung der drei eben genannten Stoffe hervor. Was sie an Stimmung gewähren sollen, ist Freude; bald in ihrer aktiveren Form, expansiv, jubelnd, bald mehr passiv, nach innen ge¬ kehrt, träumerisch (Opium, Haschisch u. dgl ). Aber Freude ist keines¬ wegs immer ihr Ergebniss; bekanntlich fallen oft sentimentale Thränen ins Glas des Zechers; oder der Rausch macht rauflustig, macht rasend; um die Wonne der Wuth zu gemessen, brauchen die Kamtsehadalen den Fliegenpilz, und so haben es vermutlich auch die nordischen Ber- särker gemacht. Der Raufkumpan, der den Schnaps benutzt, um sich tobsüchtig zu machen, möchte diesen Zustand wohl gar nicht vertauschen mit der blöden Seligkeit, in die sich sein Kamerad hineintrinkt; viel¬ leicht hat er darin Recht, vielleicht ist sein Genusszustand stärkerund gewährt ihm eine grössere Lust — solange er eben dauert; und wer bei der Flasche melancholisch und weinerlich wird, sehnt sich nicht weniger nach ihr, als einer mit einem jubilierenden Rausch. Der Wein soll den wahren Character des Menschen zum Vorschein bringen, weil man im Rausch die Kraft der Verstellung verlöre; das ist aber nicht ganz stichhaltig. Beim Affectleben des Berauschten handelt es sich um eine stärkere vasomotorische Innervation und somit um eine stärkere affective Reaction namentlich psychischen Antrieben gegenüber, als im normalen Zustande ; die Affecte werden stärker und sind deshalb schwerer zu verbergen; soweit ist die Bemerkung richtig. Aber es ist nicht richtig, diese Reaction auf psychische Impulse als Zeichen des „Charakters“, d. h. der vorherrschenden Gemütsart zu betrachten; die Reaction kann erheblich variieren, und der Berauschte, der sich eben noch rasend über seinen Cumpanen stürzt, von dem er sich beleidigt fühlt, kann im nächsten Augenblicke ihm weinend um den Hals fallen und ewige Liebe schwören. Die dritte Hauptklasse der Genussmittel spielt eine sehr grosse Rolle und hat eine weite Anwendung, ist aber nach Beschaffenheit und Form sehr einfach. Es handelt sich dabei um lebhafte und starke körperliche Bewegungen, wie schnelles Marschieren, Bergsteigen, Turnen u. dgl., und solche von specifischem Charakter eines Genuss¬ mittels, namentlich den Tanz, bei dem das Gefallen an rascher Be¬ wegung durch den Genuss, der rhythmischen Eindrücken zu folgen pflegt, noch gesteigert wird. Kräftige Körperbewegungen und Tanz gehören wohl zu den ur¬ sprünglichsten und frühesten Mitteln, die die Menschheit verwendet hat,