Fünftes Kapitel. Die Aufmerksamkeitslokalisation. 243 wenig von der Norm abweicht. Patienten von Pick \ deren Augen infolge von Hyperästhesie der peripherischen Gesichtsfeldpartien leicht auf die seitlichen Objekte hin abgelenkt wurden, hatten eine Empfindung von Spannung in den Augen, die sich beim Vorhandensein eindringlicher peripherer Objekte bis zur Unerträglichkeit steigern konnte. Aber auch gerade bei den operierten Blindgeborenen vollzieht sich die Innervation der Augenbewegungen keineswegs in der normalen automatischen Weise* vielmehr bereitet sie diesen Kranken ganz besondere Schwierigkeiten, da das Auge fortwährend abirrt und da sich die nicht gerade fixierten Gegen¬ stände der Aufmerksamkeit meist gänzlich entziehen, so dafs zu ihrer Auf¬ fassung — nach den Berichten — fortwährend nach den verschiedensten Seiten hin ausgiebige willkürliche Augenbewegungen erforderlich werden. Treten schon an einem normalen Auge bei einigermafsen hellem Lichte auf Blendung beruhende Organempfindungen auf, so wird ein an das Licht noch gar nicht gewöhntes Sehorgan in der genannten Hinsicht wahrscheinlich noch empfindlicher sein. Auch die noch gänzlich unge¬ wohnte Innervation der Akkommodation dürfte zur Organempfindung und Organbeachtung Anlafs geben, desgleichen in manchen Fällen die Operation und deren Nachwirkung, weiter die Nachbehandlung und event, das noch nicht ganz behobene Augenleiden selbst. Es sind also eine ganze Reihe von Faktoren vorhanden, welche zur Organempfindung und Organbeachtung Anlafs geben können. Freilich wird das Auge, wenngleich es beachtet wird, doch nicht visuell beachtet. Denn das Auge wird ja nicht gesehen, weder als Ganzes noch in einem seiner Teile (höchstens könnte man daran denken, dafs der Rand des halbgeschlossenen Lides gesehen wird). Könnte das Auge — entweder als Ganzes oder in einem seiner Teile — gesehen werden, und würde die Aufmerksamkeit vorwiegend auf diesem Gesichtseindruck des Auges ruhen, so wäre auf Grund des Prinzips der Aufmerksamkeitslokalisa¬ tion verständlich, dafs die Gesichtseindrücke in der allerersten Zeit nach der Operation, in der für die Gesichtseindrücke noch keinerlei besondere Lokalisationsmotive bestehen, an den Ort des Auges selbst lokalisiert würden. Nun wird aber das eigene Auge nicht gesehen. Aus dem Gesetz der Aufmerksamkeitslokalisation in der Gestalt, in der wir es kennen lernten, läfst sich der Eindruck der „Berührung“ nicht ableiten. Der Eindruck der Berührung würde aber nahezu selbstverständlich sein, wenn das Gesetz der Aufmerksamkeitslokalisation in einem allge¬ meineren Sinne gälte, wenn nämlich die keinem besonderen Lokalisafions* motiv unterworfenen Gesichtseindrücke ursprünglich nicht nur an den visuell vorwiegend beachteten Ort, sondern an den während der Perzep¬ tion schlechthin vorwiegend beachteten Ort lokalisiert würden. In der Tat legen einige Erscheinungen die Vermutung nahe, es könne unter Um¬ ständen eine Empfindung durch, bzw. an den Aufmerksamkeitsort auch dann lokalisiert werden, wenn die Empfindung und der Aufmerksamkeits- 1 Monatsschr. f. Fsychiatr. u. Neurol. 24, S. 382. -— Neurol. Zentralbl. 1906. Nr. 11. 16*