29 Phantasie die gesamte Natur mit den lieblichsten und hehrsten Gestalten; so ward die Sonne ein herrlicher Jüngling, der Mond eine strahlende Frauengestalt, wie die Morgenröte und der Regen¬ bogen. Erst durch Ethisierung der Naturmächte ward die Natur selbst freier und selbständiger. Die Naturfreude Homers ist innig, naiv, unreflektiert. Ihm ist der Himmel gross, stemenreich, weit;37) einfache Freude am Licht spricht aus den Gleichnissen von den Sternen z.B. : Achilleus leuchtet wie der Stern, der im Herbst aufgeht und überschwenglich an Klarheit vor vielen Ge¬ stirnen scheint38) u. s. f. Die Stille der Nacht, das Unendliche des weiten Himmelsraumes und die helle Be¬ leuchtung, in welche durch das Sternenlicht besonders die Höhen im Gegensätze zu den tiefer sich ausbreitenden Schatten versetzt werden, treten aber in jenem wundervollen Gleichnisse hervor, das in seiner naiven Einfalt doch das sinnigste Naturgefühl bekundet, auch wenn die epische Objektivität die Empfindung in die Seele eines Anderen verlegt (II. VIII, 5 59): »Es loderten häufige Feuer, wie wenn hoch am Himmel die Sterne um den leuchtenden Mond her scheinen in herrlichem Glanze, wenn windstill ruhét der Äther; hell sind alle die Warten und zackigen Gipfel, auch die Thäler; am Himmel breitet sich endlos der Äther; alle Sterne erblickt man — und herzlich freut sich der Hirte“! — Die Lyrik gleicht einem Trümmerhaufen. In dem herrlichen Alkman’sehen Abendliede fehlen die Zeilen, welche den Sternen galten. Sappho, die veilchenlockige sucht Ruhe für ihr Herz in der Stilleder Nacht (fragm. 52), aber: „Verschwunden sind schon die Sterne, hinunter der Mond; die Stunden verrinnen, und Mitternacht ist; ich aber, ich schlafe alleine“. Ein ander¬ mal singt sie (fragm. 3): „Wo Selene glänzt, da verbirgt der Sternen Chor mit einem Mal ihr erleuchtet Antlitz, wenn sie voll in silberner Klarheit strahlet über den Erdkreis.“ 89) In den Schilderungen40) und Vergleichen der Tragiker bricht in immer individuellerem Ausdrucke die Bewunderung „der nächtigen Sterne, der lichten Herrscher, der im Äther strahlenden Gestirne“ hindurch; die Beiwörter des Nachthimmels werden immer bildlicher; Ausdrücke wie „mit den Sternen sehend“, „Glut hauchende Sterne“, „der schauervolle Kreis der Nacht“ u. ä. begegnen wir bei Sophokles. Euripides lässt oft seine Helden schwelgen in der Wonne der leuchtenden Sternennacht ; immer wieder rufen sie in ihrer Not die Gestirne an oder die heilige, ehrwürdige Nacht (Phoen. 175, Orest. 174, Heraklid. 748 u. s. f, Jon 82 ff). Aber auch alttestamentliche Empfindungs¬ weisen weckt der Sternenhimmel in seiner Ordnung und Schönheit den Griechen und weist sie hin auf die Wundermacht der Götter, die das alles so „weislich geordnet“ haben. So berichtet uns Cicero (de nat. deor. II, 37) von einer verlorenen Stelle bei Aristoteles, wo in kühnem Fluge der Phantasie der sonst so nüchterne Philosoph sich die bewunderungsvollen Empfin¬ dungen von Menschenwesen ausmalt, die stets in unterirdischen, wenn auch noch so herrlichen Wohnungen gelebt hätten und von Göttern nur von Hörensagen wüssten und nun plötzlich 37) II. I, 498; IV, 44-, V, 769; VIII, 46; Od. II, 17; It. vil, 178, 201 vV, 172; Od. 12, 73. 38) Vergl. VIII, 16; VI, 295 ; XI, 62. . 39) Die Übersetzungen sind von Straub : Oster-Programm Stuttgart 1889 „der Natursinn der alten Griechen“, in dem allerdings der historische Gesichtspunkt, den ich in den Vordergrund rückte, wieder aufgegeben ist; hübsch sind die Erörterungen über die Naturanschauung, die in der Mythologie sich abspiegelt, und die Übersetzungsproben, vergl. m. Anz. Wochenschr. f. klass. Philol. 1. Jan. 1899. 40) Vergl. Aisehylos Septem 390 (II. XVIII, 483), Persae428, Agamemnon Anfang, Sophokles Elektra v. 17C, v. 90 f.