Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 1451 wo an die Vergegenwärtigung dieser Situation sich ein Zorn¬ affekt anschließt, ohne daß die gedachte Situation jetzt noch aktuelle Bedeutung hat — oder wo wir uns eine Situation lebhaft vor Augen führen, in der wir in einen starken Angstzustand ge¬ rieten, und wo jetzt auf Grund der Vergegenwärtigung dieser früheren Situation, obgleich sie jetzt keine aktuelle Bedeutung mehr hat, wieder ein Angstzustand in uns zur Entwicklung kommt — oder unter einfachen experimentellen Bedingungen: wo uns eine Geschmackslösung appliziert wurde, welche starke Unlust¬ gefühle auslöste, und wo kurze Zeit nach Ablauf dieser Geschmacks¬ reizung die Versuchsperson veranlaßt wird, sich die Situation zu vergegenwärtigen, in die sie durch Applikation der Geschmacks- lösung versetzt wurde. In all diesen Fällen stehen die entwickelten Gefühlszustände unter der Nachwirkung ursprünglich erlebter Gefühls¬ zustände. Man kann diese Gefühlszustände als abgeleitete oder wiedererlebte Gefühlszustände bezeichnen. Weniger zweckmäßig ist es, wie sich uns später zeigen wird, hier von reprodu¬ zierten Gefühlszuständen zu sprechen. In anderen Fällen macht sich das Gefühlsgedächtnis in der Weise geltend, daß wir eine Vorstellung oder Er¬ innerung an frühere Gefühlszustände ent¬ wickeln, ohne daß dabei wiedererlebte Gefühle auftreten ; ich meine die Fälle, wo ein bloßes Wissen um früher erlebte Gefühls¬ zustände auftritt. Ribot hat in diesem Gebiet Untersuchungen angestellt, wobei er die Fragebogenmethode zu Hilfe genommen hat. Er hat die Gefragten ersucht, sich den besonderen Fall einer be¬ sonderen Gemütsbewegung (Furcht, Zorn, Liebe usw.) ins Ge¬ dächtnis zu rufen1).” Ribot hat auf diesem Wege ein großes Aus¬ sagematerial gewonnen. Er glaubt, auf Grund desselben berechtigt zu sein, zwischen zwei Arten des Gefühlsgedächtnisses zu unter¬ scheiden zwischen einem unechten, abstrakten Ge¬ fühlsgedächtnis und einem echten, konkreten2) Gefühlsgedächtnis. Über das unechte, abstrakte Gefühlsgedächtnis sagt Ribot folgendes : ,,Das unechte oder abstrakte Gefühlsgedächtnis besteht in der Vorstellung eines Ereignisses und einem Gef ühlsmerkmal, ich sage nicht einem Gefühls zustande. Es ist sicher am häufigsten. Was bleibt von den kleinen Unfällen einer langen Beihe in unserem Bewußtsein übrig1? Die Erinnerung an die Orte, wo x) Bibot: Psychologie der Gefühle übersetzt von Ufer, 1. c. S. 191. 2) Bibot: 1. c. S. 200.