Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 1135 Uns interessieren hier in erster Linie die psychopathologischen Tatbestände. Wenn allerdings Lange sagt, daß nach der Art der krankhaften Störung des vasomotorischen Systems ein patho¬ logischer Angst- oder ein pathologischer Zornaffekt entstehe, so 1st diese Betrachtungsweise wenig vorteilhaft. Von grundlegender Bedeutung ist dagegen die Betonung des Vorhanden¬ seins vonAngst- undZornaf f ekten ohneObjekt. Es gibt eben eine pathologische Angst, in der das Individuum Angst hat, ohne Angst vor irgend etwas, zu haben und ebenso einen pathologischen Zorn, der sich nicht gegen jemand richtet ! Diese Tatsachen kann die alte Theorie sich nicht verständlich machen: die durch eine Wahrnehmung oder einen Gedanken aus¬ gelöste Angst gibt der Angst ihr Objekt ! Angst ohne Objekte findet man auch bei Neurasthenikern auftreten. Der intelligente Neurastheniker kann diese Angst mit der normalen, durch Gedanken oder Wahrnehmungen ausgelösten Angst vergleichen und erkennt sie als qualitativ damit überein¬ stimmend. Es ist zweckmäßig, hier auch auf eine Erfahrung hinzuweisen, die jeder Psychiater häufig bei Patienten mit Affektzuständen macht, die sich auf einen Arzt oder eine Pflegerin oder einen Pfleger be¬ ziehen. Wenn solche Patienten in eine andere Klinik verlegt werden, so können diese Affektzustände nach einiger Zeit ihr Objekt verlieren, um nach längerer Zeit in der neuen Umgebung wieder ein Objekt zu finden. Noch wichtiger erscheint mir folgende Beobachtung. Bei Kranken mit Melancholie findet man beim Abklingen der Er¬ krankung, daß sie wochenlang und monatelang morgens an patho¬ logischer objektloser Angst oder Angst mit Objekten leiden, abends aber von Angst und melancholischen Ideen völlig frei sind. Sie wundern sich abends darüber, daß sie am Morgen Angst und ,,so törichte Ideen” gehabt haben. Am nächsten Morgen tritt aber dieselbe objektlose Angst oder die Angst mit Objekten wieder auf. Hier muß man sich doch fragen : weshalb sollen gerade immer nur morgens monatelang diese Angst¬ zustände auftreten? Hier muß man orga¬ nische Faktoren für die Angst verantwort¬ lich machen; die Angst gewinnt dabei se¬ kundär ihre Objekte. Hier sind natürlich auch solche Fälle beweiskräftig, wo dieAngst ihr Objekt hat! Wir sind aber weit entfernt davon, auf Grund solcher Tat¬ bestände behaupten zu wollen, was Lange aus jenen Tatbeständen folgert, daß die Affekte nichts anderes seien als eine Summe von Organempfindungen. Bei dieser Auf-