1128 G. Störring Wundt. Eine Entscheidung bringen Mer psychopathologische Fälle, besonders Fälle von Zwangsgedanken. Einen ge¬ wissen Ansatz zn Zwangsgedanken findet man auch im normalen Seelenleben. Wenn man am Tage viel geistig gearbeitet nnd abends eine Reihe von Briefen geschrieben nnd dann die Briefe in die entsprechenden Briefumschläge gesteckt hat, da kann es einem passieren, daß man zweifelt, ob man die richtige Zuordnung voll¬ zogen hat; man erinnert sich etwa bestimmt, daß man die Zuordnung in richtiger Weise vollzogen hat, und kann doch den Gedanken nicht los werden, daß die Zuordnung vielleicht irr¬ tümlich vollzogen sei — bis daß man zum Überfluß noch eine Revision vornimmt. In pathologischen Fällen ist der Zwangs Charakter solcher Gedanken viel stärker ausgeprägt. Mindestens in einer großen Gruppe dieser Fälle ist nun die Sache die, daß die bestimmten Gedanken sich mit primärer Angst verbinden und daß die Fixie¬ rung der Gedanken durch den sich mit ihnen verbindenden Gefühls - zustand der Angst zustande kommt: Für die abnorme Intensität des zwangsmäßigen Sichaufdrängens ist hier kein anderer psychi¬ scher Tatbestand von abnormer Intensität aufweisbar als das Angstgefühl. Man muß eben beachten, daß Vorstellungen, oder, besser gesagt, ihre Korrelate, eine zu schwache Intensität haben, als daß sie dieses Sichauf drängen von abnormer Intensität zustande bringen könnten. Kach derselben Richtung werden wir sodann durch folgenden Tatbestand gewiesen: Wenn eine Änderung der Situation eintritt und sich infolgedessen — wie wir das später sehen werden — Angst¬ gefühle an einen anderen, etwa leicht modifizierten Gedanken an¬ schließen, so ist mit der geänderten Beziehung des Angstgefühles auch die Fixierung geändert1) : Immer diejenigen Gedanken werden fixiert, an die sich das Angstgefühl anschließt. Somit müssen wir die Angstgefühle für die abnorme Fixierung der Gedanken ver¬ antwortlich machen. Methodologisch ist zu beachten, daß wir hier den Weg von der Wirkung zur Ursache gehen: Einmal geleitet durch die ab¬ norme Intensität der Ursache, eine Exklusion eine der beiden Möglichkeiten vollziehend, und sodann liegt hier bei der letzteren Schlußweise offenbar auch ein Induktionsschluß nach der Über¬ einstimmungsmethode vor. — Fassen wir jetzt den Weg von der Ursache zur Wirkung ins Auge. Wenn eine melancholische Verstimmung zur Entwicklung kommt, so zeigt sich die Wirkung derselben auf den x) Störring: Vorlesungen über Psychopathologie. S. 406.