Methoden der Psychologie des G-efühlslebens 1127 sache zur Wirkung und den umgekehrten von der W i r- kung zur Ursache. Was den Weg von der Wirkung zur Ursache betrifft, so wird derselbe z. B. da beschritten, wo man an Hand psycho- pathologischer Tatbestände Feststellungen über die Abhängigkeits- beziehungen des Bewußtseins der Gültigkeit macht. Das Bewußtsein der Gültigkeit ist charakteristisch für die Denk¬ vorgänge. Wenn man die Abhängigkeitsbeziehungen des Bewußt¬ seins der Gültigkeit aufweist, so hat man damit — populär aus¬ gedrückt — das ,,Wesen” des Denkens aufgedeckt. Die Psychologie der Selbstbeobachtung ist jahrtausendelang betrieben, hat aber diese Erkenntnis nicht gewonnen. Die Aufdeckung dieser Ver¬ hältnisse ist der pathopsychologischen Methode Vorbehalten ge¬ blieben1). Man findet nämlich in gewissen psychopathologischen Fällen — bei Wahnideen — das Bewußtsein der Gültigkeit abnorm stark entwickelt, so stark, daß keine Korrektur möglich ist auch bei dem intellektuell entwickelten und im übrigen urteilsfähigen Individuum. Wenn man nun reine Fälle aus wählt, solche Fälle, die keine Komplikation durch Halluzinationen, Illusionen oder durch allgemein herabgesetzte Urteilsfähigkeit aufweisen, so kann man sich den Tatbestand zunutze machen, daß der Ur¬ sachenkomplex des Bewußtseins der Gültigkeit hier bei dem abnorm gesteigerten Gültigkeitsbewußtsein deutlicher in die Er¬ scheinung tritt als in der Norm. Methodologisch handelt es sich hier offenbar um eine A n- wendung der Übereinstimmungsmethode, nach der man von einer Wirkung die Ursachen aufsucht, indem man zusieht, welcher Komplex von Faktoren in dem, was man am besten den Komplex der Umstände nennt, unter denen ein Geschehen stattfindet, konstant ist. Das ist dann eben der Komplex der Bedingungen. — Im psychischen Leben spielt bekanntlich die Aufmerk¬ samkeit eine eminente Bolle. Zur Aufmerksamkeit gehört jedenfalls die Fixierung von Vorstellungen im Bewußtsein. Die Psychologen haben viel darüber gestritten, wie diese Fixierung zustande kommt. Es fragt sich, ob dieselbe durch Gefühlszustände bedingt ist oder nicht. Ein älterer Psychologe, Herbart, hat an¬ genommen, daß die Vorstellungen sich selbst im Bewußtsein fixieren auf Grund ihrer eigenen Intensität, daß Gefühlszustände dabei nur Nebenerscheinungen sind, nur Anzeichen für das Ver¬ hältnis von Vorstellungsenergien. Viele neuere Psychologen machen Gefühlszustände für diese Fixierung verantwortlich, so Lotze und x) Störring: Vorlesungen über Psychopathologie in ihrer Bedeutung für die normale Psychologie. 1900, S. 376 ff.; Das urteilende und schließende Denken in kausaler Behandlung. Leipzig 1926. S. 7 ff. 74*