1104 Fritz Giese Wir wollen diese wenigen methodischen Grundgedanken auch noch in kritischer Form zur Erweiterung führen. Methodologisch ist zu sagen, daß die Jöu^cssche Hypothese von der Ausdeutung der Handschrift als Gebärdenwirkung die Frage noch nicht gelöst hat, ob tatsächlich eine Homogenität zwischen Mikro- und Makrogebärde existiert. Das was wir im Sprechen, beim Handeln mit der Hand ausdrückend „tun”, wird im Schreiben abgebremst auf Ausschläge in Millimetern u n d in zweidimensionalem Ductus ! Dürfen wir die dreidimensionale Lebensgebärde unmittelbar mit der zweidimensionalen Mikro - gebärde vergleichend parallelisieren ? Diese Frage harrt ihrer Untersuchung! Sie kann die Methode der Graphologie noch grund¬ legend ändern, je nach dem sie Ergebnisse hat. Ganz unklar ist auch noch der Einfluß des Materials auf den Schriftcharakter. Hier könnte seitens der kriminalistischen Forschung in mannigfacher Form Wertvolles erbracht werden. Vorerst haben wir noch keine unbedingten Fehlerquoten für die graphologischen Analysen, denn sie gehen fast restlos in der Praxis ohne Ansehung des Materialeinflusses vor sich. Oben erwähntes Muster von der Wirkung des Füllfederhalters auf die Schriftgebärde ist nur einer von vielen anderen Fällen, die der methodologischen Untersuchung harren. Man möchte hinzufügen, daß die Grapho¬ logie in diesem Sinne noch niemals eine Bewährungskontrolle erbracht hat. Damit kommt man auf einen weiteren Punkt: nämlich die Notwendigkeit, die Methode der Graphologie zu verbinden mit einer Methode der Massenstatistik. Das bedeutet ideell etwas Ähnliches, wie die Erschließung der Vorkommensgesetze mensch¬ licher Charaktere, der Streuung von Spielarten der Schriftführungen. Die Graphologie hat außerdem praktisch noch die methodische Aufgabe, schnell und auch im Massenversuch anwendbar zu arbeiten, um hunderte von Menschen in geraffter Systematik gleichzeitig zu differenzieren, zu teilen nach einigen wenigen Blöcken von qualitativer Differenziertheit, wie es die psycho- technische Eignungsprüfung bereits auf ihrem Gebiete erfolgreich getan hat. Beides, die Forderung einer praktischen Massenanwen¬ dung und eine Gewinnung kollektiver Geltungsregeln, gemahnt noch an einen dritten Punkt, den die Graphologie heute wohl noch nicht immer erkannt hat. Marbes Pegel von der Gleichförmigkeit in der Welt1) beherrscht auch dieses Feld. Es ist möglich, daß der Graphologe, selbst dem Gesetz der Gleichförmigkeit unterliegend, zu einer Uniformität der Deutungen gerät, die keine Bewährungs- kontrolle mehr aushält, da er dauernd seine Urteile unterbewußt 1) Marie: Die Gleichförmigkeit in der Welt. Leipzig 1916.