IV. Das ästhetische Miterleben und die Empfindungen aus dem Körperinnern. Von Karl Groos. Vorbemerkungen. — Es wird sich für unsere Zwecke empfehlen, zuerst dreierlei festzustellen: 1. In unserem Bewußtsein wollen wir ein doppeltes »Material« unterscheiden: die Sinnesempfindungen (z. B. die mancherlei Ein¬ drücke, die wir bei einer von uns ausgeführten Handbewegung wahr¬ nehmen) und die Reproduktionen solcher Sinnesempfindungen (z. B. das Erinnerungs- oder Phantasiebild der sich bewegenden Hand). Wir werden daher von »sinnlichen« und »reproduktiven Fak¬ toren« in unserem Bewußtsein sprechen können. 2. Bei den Sinnesempfindungen denkt man vielleicht zuerst an solche, die wir gewöhnlich einfach als Eigenschaften fremder Objekte auffassen (das Rot der Tulpe, der Glanz des Goldes). Von da aus gelangen wir aber, ohne einer scharf gezogenen Grenze zu begegnen, in ein Gebiet von Eindrücken, die wir nicht auf fremde Gegenstände, sondern auf Vorgänge an und in unserem eigenen Körper be¬ ziehen. Wenn wir z. B. ein eisernes Gewicht mit der Hand empor¬ heben, so glauben wir die dunkle Farbe des Gewichtes als eine Eigen¬ schaft des fremden Objekts mit dem Auge zu sehen; wir haben ferner gewisse Berührungs- und Temperaturempfindungen auf der Haut, die wir ebensogut als Eigenschaften des Gewichtes wie als Zustände unseres Körpers deuten können; wir empfinden drittens auch die innere Drehung der Gelenke, die Spannung und Anstrengung des Empor¬ hebens, weil in unseren Gelenken, Sehnen und Muskeln besondere Sinnesapparate ihren Sitz haben, die uns von solchen Veränderungen unterrichten. Mit diesen »kinästhetischen« Eindrücken treten wir in das Gebiet der mannigfaltigen Empfindungen ein, die aus dem Körperinnern stammen; auch die Atembewegungen, der Kreislauf des Blutes und die vielfältigen mit der Aufnahme und Verarbei¬ tung der Nahrung verbundenen Prozesse können »innere Organ¬ empfindungen« hervorrufen, die uns nichts von äußeren Dingen Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. IV. 11