Der Fall Wagner. 143 Ich: Hat Wagner auch manchmal gemütlich schwäbisch gesprochen? Ho.: Ganz so nicht, er ist immer ein bischen hochdeutsch gewesen. Ich: Hat Wagner Züge von Grausamkeit geboten? Wagner: Du wirst, Ho., nie an mir bemerkt haben, daß ich eine grau¬ same Natur bin. Ho. bestätigt dies durchaus. Wagner habe keine Taube umbringen wollen und können. Wenn man sie ihm nicht geschlachtet habe, hätte er sie lieber fliegen lassen, als sie behalten. Ich: Erschien Ihnen Wagner als Egoist? Ho.: Das kann ich nicht sagen; mir gegenüber in keiner Weise. Im Lauf der weiteren Unterredung, deren Detail weniger wichtig ist, wiederholt Wagner, zu Ho. gewandt: Ich habe schon vorher angenommen, daß Ihr es wüßtet und seit jenem Tage habe ich es ganz bestimmt ange¬ nommen. Ich habe droben schreckliche Stunden erlebt, schreckliche Tage. Ho. wiederholt: Die Radelstetter und Scharenstetter sagen, sie können es nicht begreifen. Wagner, mit Tränen in den Augen: Ich kann’s auch nicht begreifen. (Dabei macht er eine ratlose Bewegung mit den Armen und weint.) Dann, noch einmal auf die Verfolgungen zurückkommend, sagt Wagner: Ich habe gedacht, es sei hauptsächlich durch die Schäfer hinauf getragen worden. (Dann voller Bitterkeit) : Wie perfid mit mir umgegangen wird ! Da muß ich jetzt selbst das Werkzeug gewesen sein, daß meine sittlichen Verfehlungen herauskommen ! Der Abschied der beiden Lehrer voneinander stimmte Wagner sehr weich; er dankte Ho., Tränen in den Augen; dann schritt er, sich aufraffend, langsam, aber in aufrechter Haltung wieder in sein Zimmer hinüber. Später wurde er sehr nachdenklich und bedrückt gefunden. Er hatte sich auf sein Bett geworfen und lange geweint. Er erwiderte mir auf meine Frage, ob er jetzt davon überzeugt sei, daß seine Freunde und überhaupt die Radelstetter von seinen Delikten keine Kenntnis hatten: Ja, jetztseierüber- zeugt; aber das Schicksal habe furchtbar mit ihm gespielt. Tags darauf gab er mir an, er habe eine schlechte Nacht gehabt. Er war erst um 3 Uhr morgens eingeschlafen. Im Verlaufe des Tages weinte er eine Zeitlang. Immer schwerer wurde es ihm die entschlossene und selbstsichere Haltung zu bewahren. Und meine Frage, ob es sich vielleicht nicht mit Mühlhausen ebenso verhalten könnte, wie mit Radelstetten, erfuhr nicht mehr die kategorische Verneinung wie früher. Als ich ihm in Erinnerung brachte, daß Ho. von seinem Wahn gesprochen habe, sagte er scheu : ,,Wahn nennt man vieles. Ich nenne das Irrtum.“