303] Der Fall Wagner. 117 Mühlhausen wollte ich gleichsam erkenntlich machen, wie groß mein eigenes Leiden gewesen ist“ . . . ,,Nachdem ich meinen Plan alle die Jahre hindurch mit mir herumgetragen hatte, war die Erregung abgeschwächt, der Weg lag gleichsam eben vor mir.“ Über die Mordnacht in Degerloch gab er dann bei seiner Ver¬ nehmung am 17. Oktober eine eingehende Schilderung, wovon nur einiges hier angeführt werden soll: „In der Nacht vom 3. zum 4. September ds. Js. habe ich natürlich keinen Augenblick geschlafen, wie schon die Nächte zuvor auch nicht. Ich hatte überhaupt die letzten Jahre einen miserablen Schlaf. In der Nacht vom 3. zum 4. und ebenso mindestens die drei Nächte vorher habe ich, wenn ich die Uhr schlagen hörte, mir immer vorgestellt, wo ich jetzt wäre, wenn die Ermordung meiner Familie bereits hinter mir läge; ich habe gedacht, jetzt würdest du den Draht durchfeilen, jetzt wärest du unten in Mühlhausen und würdest zünden, jetzt stiegest du die Steige hinauf, jetzt wärest du bei deinem Bruder in Egolsheim usw.“ In eingehender Weise schilderte Wagner sodann dem Richter die Ausführung der Tat in Degerloch, die Fahrt auf dem Rad nach Ludwigsburg und Bietigheim und Mühlhausen, wobei er gelegentlich auf eine Frage des Richters angab: „Ich war nie fest in den Nerven, ich litt eben an Neurasthenie. Zur Zeit bin ich natürlich auch sehr nervös; das ist eine Folge der Anstrengungen des Mords und der Operation.“ Sodann ist wichtig seine Angabe vom 23. Oktober: „Ich habe mir in den letzten Tagen vor Ausführung der Tat hin und her überlegt, ob ich in Mühlhausen unterscheiden soll zwischen Per¬ sonen, von denen ich bestimmt weiß, daß sie mir keine üble Nachrede bereitet haben, und anderen Personen oder nicht. Ich erwähne in ersterer Richtung z. B. den Gemeindepfleger S., den Mühlen¬ besitzer Z., den Briefboten H., der mich am Morgen nach der Tat auf dem Rathaus — ich war bis heute der Meinung, dorthin verbracht worden zu sein — aufgesucht und mir eine Standrede gehalten, mich auch beschimpft hat, dem ich dies aber nicht weiter nachgetragen habe, und den Friedrich G., einen Nachbarn des Schulhauses, den ich dann erschossen, hiebei freilich nicht erkannt habe. Ich überlegte mir so: wenn ich hinterher jemanden er¬ schieße, zu dem ich vorher freundlich gewesen bin, so stände ich als Heuchler da. Ich habe mich jedoch schließlich dahin entschlossen, alles in Bausch und Bogen zu nehmen. Einmal war eine Unterscheidung im Augenblick der Ausführung nicht gut möglich ; dann aber hätte ein Zögern in mein ganzes Vorgehen eine Unsicherheit und eine Unentschiedenheit gebracht. Dabei ist auch zu bedenken, daß vielleicht gerade die Leute, die ich geschont hätte, mich niedergeschlagen hätten. Es ist vielleicht lächerlich: ich habe mir eben gedacht, wenn du je eine der genannten Personen erschießt, so schlägst du sie eben auf die andere Seite herüber; du hast ja auch deine eigene Familie