Fünftes Kapitel: Übergang zur Natureinfühlung. 163 die Arme ausbreiten. Dieses Stehen und Ausbreiten ist, wie bei uns, eine Überwindung der Schwere, oder ein Standhaiten gegen sie. Wie sollte der Baum oder Fels dies vermögen, ohne, wie wir, sich zusammenzunehmen und gegen die Schwere zu arbeiten? Der Trieb der Vermenschlichung. In solchen Fällen scheint die Vermenschlichung ohne wei¬ teres verständlich. Sie ergibt sich, so scheint es, unmitelbar aus der Ähnlichkeit der Formen und Bewegungen, die wir in der Natur beobachten, mit denen, die wir hervorbringen, bezw. an uns finden. Nachdem einmal die äufsere Erscheinung des Menschen, seine Laute, Formen, Bewegungen, mit dem Leben, das wir in uns finden, erfüllt sind, können wir nicht umhin, mit den ver¬ wandten Lauten, Formen, Bewegungen in der Natur in analoger Weise zu verfahren. So gelangen wir in unserer Vermensch¬ lichung in stufenweisem Fortgang von des Menschen äufserer Erscheinung durch die Tier- und Pflanzenwelt hindurch bis zur Welt des Unorganischen. Indessen unsere Vermenschlichung geht über die hiermit bezeichneten Grenzen weit hinaus. Es gibt schHefslich nichts in der Natur, dem wir nicht die Vermenschlichung angedeinen lassen. Kein Dasein und Geschehen in der Natur entgeht unserem Streben, uns mitfühlend in dasselbe hineinzuversetzen. Und dabei sehen wir uns von der Ähnlichkeit der Formen und Bewegungen in der Natur mit den Formen und Bewegungen des menschlichen Körpers überall im Stich gelassen. Die Natur ist uns überall lebendig. Überall, wie gesagt, sehen wir Aktivität, Passivität, Streben, Tun, Erleiden. Vielmehr, wir sehen von allem dem nichts. Was die Wahrnehmung uns zeigt, ist nichts als einfaches Dasein und Geschehen. Das übrige ist unsere Zutat Was nun treibt uns zu solcher Vermenschlichung? Man kann hier verweisen auf zwei Momente; auf zwei Triebfedern, die freilich nahe Zusammenhängen. Einmal: Nichts liegt uns gefühlsmäfsig näher, und ist uns interessanter und wichtiger, n*