492 Th. Lipps, nur als solches, ist also meine Betrachtung eine rein ästhe¬ tische, so gilt von ihr, was von aller ästhetischen Betrachtung überhaupt gilt. D. h. es liegt in der Natur derselben, die Frage nach der empirischen Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit dessen, was das ästhetische Objekt mir sagt oder mitteilt, absolut auszu¬ schließen. Die Frage etwa, ob das, wovon der Epiker erzählt, in der empirischen oder historischen Wirklichkeit sich zugetragen habe oder nicht, hat für die ästhetische Betrachtung gar keinen Sinn. Es kommt eben hier nicht die empirische, sondern einzig und allein die ästhetische Wirklichkeit in Frage. Die ästhetische Be¬ trachtung lebt nur in dieser Kegion, die von der Region, der die empirische Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit angehört, absolut geschieden ist. Diese ästhetische Wirklichkeit dessen, was der Dichter mit¬ teilt, besteht aber nicht nur, sondern sie ist eine unbedingte. Es ist ein Vorzug des Dichters vor dem Historiker und vor jedem, der empirische Tatsachen mitteilt, daß wir ihm unbedingt »glauben«, d. h. daß wir, was er sagt, ohne die Stellung einer Rechts- oder Berechtigungsfrage einfach hinnehmen; es sei denn, daß die Folgerichtigkeit der dichterischen Mitteilung selbst den Glauben aufhebt. Aber dieser Glaube ist eben ästhetischer Glaube. Er ist jenes einfache »Hinnehmen«. Diesen Glauben nennen wir auch »Überzeugtsein«. Das echte Kunstwerk der Dichtkunst redet überzeugend zu uns. Die »Über¬ zeugung«, die in dieser jedermann vertrauten Wendung gemeint ist, ist genau das, was ich oben als ästhetisches Wirklichkeits¬ bewußtsein bezeichnete. In unserm Haben oder Erleben derselben bestehen die »Urteilsakte«, die wir in der innerlichen Aneignung eines dichterischen Kunstwerkes vollziehen. Hiermit meine ich das Wesen der Quasi-Urteile, die in den Aus¬ sagen der Dichtung liegen, bezeichnet zu haben. Ich muß aber wiederum hinzufügen: Genau solche »Urteile« liegen in den »Aus¬ sagen«, ich meine: in den Formen und Farben der Werke der Bild- künste, und weiter in den Formen der Architektur, kurz in jedem Kunstwerk überhaupt. Wir fordern von beliebigen sonstigen Kunst¬ werken, etwa vom plastischen Kunstwerk, genau die gleiche Über¬ zeugungskraft wie vom Kunstwerk der Dichtung; wir »glauben« an das, was uns das plastische Kunstwerk sagt, genau in dem Sinne, wie wir an das glauben, was die Dichtung, insbesondere