Illusion und Täuschung. 195 friedigung nicht besonders rein und grofs ist, so kann man dabei doch entfernt nicht von einem Mifsfallen reden. Es ergibt sich hieraus, dafs der eigentliche Grund der lebhaften Mifsbilligung allein in dem Choc zu suchen ist, den wir in dem Augenblick empfinden, wo wir die Täuschung er¬ tappen. Die Entdeckung der Täuschung, die ja doch meistens unvermeidlich sein wird und die der Künstler auch beabsichtigt (denn sonst käme er ja um die Anerkennung seiner Geschicklichkeit), wirft uns plötzlich aus dem Spiel der inneren Nachahmung heraus. Sie macht die innere Nachahmung und damit den ästhetischen Genufs nicht ein für allemal unmöglich; wenn der Choc überwunden ist, kann die ästhetische Anschauung in etwas veränderter Stimmung von neuem beginnen. Aber im ersten Augenblick bewirkt der Eindruck der ertappten Täuschung stets die völlige Zer¬ störung des ästhetischen Geniefsens und ist darum mit einem sehr lebhaften Unlustgefühl verbunden. Ich hatte mich spie¬ lend in das Object eingelebt, und die Voraussetzung, dafs ich ein Naturerzeugnifs vor mir habe, hatte dabei auf den Charakter meiner Nachahmungsgefühle eingewirkt. Plötzlich erweist sich diese Voraussetzung als falsch, und meine Auf¬ merksamkeit wird dadurch mit einem schmerzlichen Ruck aus der inneren Nachahmung herausgerissen, um sich der aufserästhetischen Betrachtung des mit einem Mal entfrem¬ deten Objects zuzuwenden. Nicht das Gefühl, dafs der Künstler hier auf Abwege gerathen ist, erzeugt eine so starke Unlust in meinem Innern, sondern die unangenehme Erkennt¬ nis, dafs ich mich selbst in dem Gegenstand meines inneren 13*