Der typische Gehalt. 133 Diese Bevorzugung braucht aber durchaus nicht immer den über die Normalgröfse hinausgehenden Erscheinungen zu Theil zu werden. Ich habe darum betont, dafs es sich bei den angeführten Beispielen um solche Objecte handelt, die von vorneherein durch Gröfse und Kraft auffallen. Gerade umgekehrt wird es uns z. B. bei dem Typus des Franzosen gehen. Hier fällt dem Betrachter besonders die Beweglich¬ keit und Grazie in's Auge, welche den Franzosen aus¬ zeichnet. Da nun Beweglichkeit und Grazie einen gewissen $ Grad von Zierlichkeit in der Körpergestalt erfordern, so werden in diesem Fall die kleineren, schlanken, geschmei- digen Figuren bevorzugt werden. Die psychologischen Normalideen des Deutschen und Franzosen werden also viel weiter auseinanderstehen, als die auf mechanischem Wege gefundenen anthropometrischen Normalgröfsen : in der Phantasie des Künstlers wird der typische Deutsche den typischen Franzosen um Haupteslänge überragen; in der Anthropométrie beträgt der Unterschied allerhöchstens einige Centimeter, nach Gould sogar nur einen Millimeter. — Ge¬ nau so ist es auch in Beziehung auf die sonstige Körper¬ beschaffenheit. Der typische Neger wird dunkler, die typische deutsche Frau rosiger gedacht werden, als es bei einem rein mechanischen Herausfinden des Mittelwerthes der Fall wäre, u. s. w. Immer werden diejenigen Züge, für welche das Bewufstsein ein besonderes Interesse hat, bei der Bildung der „Normalidee“ ein entsprechend verstärktes Gewicht erhalten, das über ihren rein numerischen Werth hinausgeht.