§. 28. DIE FLÄCHENHAFTE ANORDNUNG IM GESICHTSFELDE. 535 wenn die Reihenfolge der Punkte in der ersten Linie dieselbe ist, wie die Reihenfolge der entsprechenden Punkte in der zweiten Linie. Indem wir den Blick über das Gesichtsfeld schweifen lassen, finden wir unmittelbar in der Wahrnehmung, in welcher Ordnung die Objectpunkte im Ge¬ sichtsfelde aufeinander folgen, so dass zunächst wenigstens die Ordnung der Punkte im Gesichtsfelde durch solches Herumblicken unmittelbar bestimmt werden kann. Wie und in wie weit die Grössenverhältnisse durch das Augenmaass be¬ stimmt werden können, wollen wir nachher untersuchen. Hier ist zunächst nur noch zu bemerken, dass wenigstens das Auge des Erwachsenen die Ordnung der Punkte im Gesichtsfelde nicht nur an Objecten bestimmt, über welche der Blick schweifen kann, sondern dass wir ein bestimmt flächenhaft geordnetes Bild auch von solchen Objecten und Erregungen haben, die in Bezug auf unsere Netzhaut ihren Ort nicht wechseln und sich mit unserem Auge bewegen. Dies gilt für die Nachbilder, die Netzhautgefässe, die Polarisationsbüschel und über¬ haupt für die meisten subjectiven Erscheinungen. Wie wir auch das Auge bewegen mögen, immer wird derselbe Punkt eines solchen subjectiven Bildes dem Fixationspunkte entsprechen, und wir können nie verschiedene Theile des Bildes nach einander auf der Mitte unserer Netzhaut wechseln lassen. Daraus folgt, dass wir im Stande sind, die Ordnung der gesehenen Punkte im Gesichts¬ felde auch zu beurtheilen nach dem blossen Eindruck, den das ruhende Netz¬ hautbild auf die ruhende Netzhaut macht, ohne dass wir nöthig haben, jedes einzelne Mal durch Bewegungen zu controlliren, welches die Reihenfolge der einzelnen Objectpunkte sei. Um diese Thatsache zu erklären, kann die Annahme gemacht werden und ist von den Anhängern der nativistischen Theorie gemacht worden, dass wir eine angeborene Kcnntniss der Ordnung der Netzhautpunkte auf unserer Netzhaut (und auch wohl der Grösse ihrer Abstände) besitzen, welche uns un¬ mittelbar in den Stand setzt, wahrzunehmen, welche Punkte des Netzhautbildes continuirlich aneinanderstossen, welche nicht. Wenn eine solche Annahme ge¬ macht wird, so ist damit natürlich jede weitere Erörterung über den Ursprung unserer flächenhaften Gesichtsbilder abgeschnitten, Andererseits ist ersichtlich, dass die Fähigkeit, auch ohne Bewegung des Auges die Ordnung der Objecte im Gesichtsfelde zu erkennen und zu beurtheilen, auch erworben sein kann, wie dies die empiristische Theorie der Gesichts¬ wahrnehmungen annimmt. Denn jedes Mal, wo wir durch Bewegungen des Auges die Ordnung der Theile eines ruhenden Objects bestimmt haben, erhalten wir auch, so lange wir einen seiner Punkte ruhig fixiren, einen ruhenden Ein¬ druck seiner verschiedenen Theile auf unsere Netzhaut, und können somit durch Erfahrung kennen lernen, wie zwei Punkte, die wir durch Bewegung des Auges als benachbart erkannt haben, sich im ruhenden Bilde des Auges dar¬ stellen, das heisst also, anatomisch gesprochen, wir können durch Erfahrung kennen lernen, welche Localzeichen der Gesichtsempfindungen benachbarten Netzhautfasern angehören, und wrenn wir dies gelernt haben, werden wir im Stande sein, auch aus dem unveränderten Eindruck eines relativ'