270 ZWEITER ABSCHNITT, DIE LEHRE VON DEN GESICHTSEMPFINDUNGEN. §■ 19. Gelbgrün und Blaugrün, und dass endlich Grenzen der Farben im Spectrum wirklich nicht existiren, sondern von uns nur der Nomenclatur zu Liebe willkiihrlich gezogen werden. Ich selbst glaube deshalb, dass man diese Vergleichung aufgeben müsse. Endlich hat in neuester Zeit auch Unger versucht, auf die Vergleichung der Lichtwellen¬ verhältnisse mit den musikalischen Intervallen eine Theorie der ästhetischen Farbenharmonie zu gründen. In seinen factischen Angaben über die harmonirenden Farben scheint viel Wahres zu sein, was grossentheils aus Kunstwerken richtig abstrahirt ist, aber seine Theorie, die Vergleichung mit den musikalischen Verhältnissen, ist etwas gewaltsam erzwungen. Auf seiner chromharmonischen Scheibe bat er Farbentöne zusammengestellt, die den 12 halben Tönen der Octave entsprechen sollen, zu welchem Zweck er aber zwischen Violett und Roth purpurrothe Farben einschaltet, die als einfache Farben nicht existiren.. In diese purpurnen Töne lässt er die FRAUNHOFER’schen Linien G, //, A fallen, während die beiden ersteren das reine Violett begrenzen, die letztere dem reinen Roth angehört. Die einfachen Farben, welche über das Violett hinausliegen, sind in Wahrheit blau, nicht purpurroth. Die vollkommenste Harmonie soll dem Duraccord entsprechen. Dieser liefert auf seiner Scheibe z. B. die viel gesehene Zusammenstellung der italienischen Maler: Roth, Grün, Violett. Aber der richtige Duraccord, wenn man Grün als grosse Terz nimmt, wäre Roth, Grün, Indigblau. Den antiken Malern fehlt ein gutes Roth, sie brauchen Mennige, Orange, dafür und bilden den Accord: Orange, Grünblau, röthlich Violett. Die Mollaccorde geben einen sanfteren und trüberen Eindruck, die verminderten und übermässigen Dreiklänge geben einen pikanten, weniger künstlerisch reinen Eindruck. Ich glaube, dass man für die richtigen Beobachtungen der Farbenwirkung, die sich bei Unger finden, statt der erzwungenen musikalischen Analogien einen anderen Grund suchen muss. Die gesättigten Farben bilden in der That eine in sich zurücklaufende Reihe, wenn wir die Lücke zwischen den Enden des Spectrum durch die purpurnen Töne ergänzen, und dem Auge scheint es angenehm zu sein, wenn ihm drei Farben geboten werden, die ungefähr gleichweit in der Reihe auseinanderliegen. Die oben erwähnte berühmte Zusammenstellung der italienischen Maler: Roth, Grün, Violett, welche keinem richtigen Duraccorde entspricht, entspricht in Wirklichkeit den drei Grundfarben von Th. Young, und darin kann der Grund ihrer ästhetischen Wirkung liegen. Andere Farben, in richtiger Distanz von einander gewählt, machen einen ähnlichen befriedigenden Eindruck. Wo zwei derselben sich zu sehr nähern, wird der Eindruck minder rein. Das ist vielleicht die Bedeutung von Unger’s Beobachtungen; übrigens kann offenbar bei der sogenannten Farben¬ harmonie von einer so strengen Bestimmung wie bei den musikalischen Intervallen nicht die Rede sein. 384— 322. v. Ch. Aristoteles de coloribus. 1571. Jon. Fleischer de iridibus doctrina Aristotelis et Vitellionis. Vitembergae 1571. p. 80. 1583. Jo. Bapt. Porta de refractione libri novem. Neapoli 1583. lib. IX. 1590. Bernardini Telesii opera. Venetiis 1590. De Iride et coloribus. 1611. M. Antonii de Dominis de radiis visus et lucis in vitris perspectivis et Iride. Venetiis 16-11. 1613. Maurolycus de lumine et umbra. Lugd. 1613. p. 57. 1637. Cartesius de meteoris. Cap. VIII. 1648. Jo. Marcus Marci Thaumantias, liber de arcu coelesti, deque colorum apparentium natura, ortu et caussis. Pragae 1648. 1665. R. Hooke. Micrographia. London 1665. p. 64. 1675. *1. Newton in Philosophical Transact. 1675. (Erste Notizen über seine Ansicht) — Optics. London 1704. (Vollständige Ausarbeitung seiner optischen Entdeckungen) — Lectiones opticae. 1711. De la Hire. Mein. de l’Acad. des Sc. 1711. p. 100. 1746. Euler. Nova theoria lucis colorum in den Opusculis varii argumenti. Berol. 1746. p. 169 — 244. 1752. Euler in Mein, de l’Acad. de Prusse I7S2. p. 271. Essai d’une explication des couleurs. Gegen Newton. 1727. Rizetti. Specimen physico math, de luminis affectionibus. Ven. 1727. 1737. Leblond. Harmony of colouring. London. 1740. Castel. L’optique des couleurs. Paris. 1750. Gautier. Chroagenesie ou génération des couleurs contre le système de Newton. Paris. 2 vol. 8. 1752. Gautier. Observations sur l’histoire naturelle, sur la physique et la peinture. Paris.