Die Klangspannung. Im Akkord aber verfangen, erscheint die Bewegungskraft als eine Strebung, die nicht nur in der betreffenden Stimme wieder aus ihm heraus, sondern in sein Ganzes hineinwirkt, seinen unmittelbaren Eindruck gestaltet, von Ton zu Ton ein vielfaches Netz von Kraft¬ beziehungen hervorruft. Jeder Akkord ist eine neue Verteilung von Kräften. Denn das ist psychologisch das Wesentliche, daß sich ein Spannungszustand aus einem Einzelton über den ganzen Klang ausgießt, dem er angehört, analog wie sich der Verschmelzungsreiz über den ganzen Klang verteilt1). Dieser wirkt nicht nur als Einheit einer Verschmelzung, sondern auch eines Spannungszustandes; d. h. als energetischer Ge¬ samteindruck, nicht als Kombination von Kräften, trotzdem einzelne hervorgekehrt werden können. Die kleinste Veränderung einer Spannungskomponente kann auch wieder den Gesamtzustand völlig ändern. Dessen Eigenart besteht also nicht nur darin, daß man z. B. einen Ton aufwärtsstrebig, den andern mit Schwere¬ druck, einen weiteren als ruhend usw. empfindet, sondern darin, daß sich aus jedem dieser Einzelzustände auch etwas über das Ganze breitet, in veränderter Wirkung dieses durchdringt, d. h. nicht mehr als melodische Strebung, sondern als Idiom des Akkord¬ charakters. Wenn also z. B. ein Ton aufwärts alteriert ist, so spürt man zwar auch das heraus, aber es strebt darum noch nicht der ganze Klang aufwärts, sondern ihn durchgießt ein gewisser, nicht näher beschreibbarer Charakter, der zwar etwas mit jener Ton¬ strebung verwandtes enthält, aber zu einer Wirkung für sich und akkordlicher Art umgewandelt erscheint. Darin erst beruht das Phänomen der Klangspannung. Ihr ist ein unmittelbar leben¬ diger Eindruck eigen; denn mag man auch die Einzelspannungen effekt spürbar, — störend darum, weil er seinen Hauptsinn verlöre. Immer¬ hin spielt bei jenem Verbot die oft harte klangliche Dissonanzreibung auch mit, aber daß diese nicht den Ausschlag geben kann, geht aus dem Aus¬ nahmezusatz hervor, wonach im Baß der Auflösungston eines Vorhalts doch gleichzeitig mit diesem möglich ist. Und das hängt damit zusammen, daß hier umgekehrt die klangliche Härte selbst wieder durch einen andern dynamischen Vorgang getragen und ermöglicht wird: die noch zu bespre¬ chende Basisempfindung, die sich als Gegenwirkung zur Dissonanz heraus¬ bildet, sie noch dynamisch verstärkt. *) Vgl. S. 150 Anm. 2. 188