Ein besonderer Pall von Farbenschwäche. 139 Ein besonderer Fall von Farbenschwäche. Von K. Koffka. Ein Student, Herr S., der die Prüfung mit den Nagel sehen Tafeln in normaler Weise besteht, fiel in der Vorlesung dadurch auf, daß er keinen Farben-, sondern nur Helligkeits-Konstrast sah. Dieser Befund wurde in dem Sinn bestätigt, daß eine neutrale Farbe bei ihm nicht durch Kontrast in eine bunte verwandelt werden kann, während eine Verschiebung des Farbtons durch benachbarte Farben sogar besonders leicht und stark herbeigeführt werden konnte. Dafür sah S. überhaupt keine farbigen Nachbilder, sondern nur helle oder dunkle Flecke, auch wenn er in die Sonne, oder durch ein farbiges Glas in eine Bogenlampe blickte. S. ist weiter durch eine abnorm heraufgesetzte Farb-S ch w eile für alle Farben ausgezeichnet. Das merkwürdigste in seinem Farbensinn ist aber das folgende Verhalten : er sieht, mit einer gleich zu erwähnenden Ausnahme, um die Haupt¬ farben und die kontinuierlichen Töne der Schwarz-Weißreihe. Bietet man ihm nebeneinander zwei spektrale gleiche Felder, z. B. gelb, und läßt das eine schrittweise grün werden, so bleibt zunächst die Farb¬ gleichung zwischen den beiden Feldern erhalten, oder kann allein durch Helligkeitsveränderung des einen Feldes hergestellt werden; plötzlich jedoch tritt ein Umschlag ein, das unveränderte Feld er¬ scheint gelb, das andere rein grün, während es den Normalen nach deutlich gelb-grün aussieht. Der Umschlag ist außerordentlich scharf. Dies Verhalten wiederholt sich beim Übergang vom Grün zum Blau, bei Prüfung mit dem Farbenkreisel, auch von Blau zu Bot. Etwas anders verhielt sich S. im Gebiet zwischen Bot und Gelb. Geht man von zwei gleichen roten Feldern aus, so kann man das eine Feld ein Stück nach dem Gelb zu verschieben, ohne daß dadurch für S. die Gleichung zerstört wird, während für den Normalen die Felder sich schon deutlich unterscheiden; das gleiche tritt ein, wenn man umge¬ kehrt von Gelb gegen Bot geht. Aber der Umschlag erfolgt in anderer Weise als sonst: eine etwa in der Mitte zwischen Bot und Gelb ge¬ legene Farbe ergibt keine Gleichung mit einer von ihnen, sondern wird braun genannt. Wo wir Orange sehen, sieht S. also Braun, und das ist mehr als ein bloßer Unterschied des Namens, denn S. kennt überhaupt nicht das, was wir eine Qualitätenreihe nennen im Gebiet der bunten Farben (wohl aber in der Schwarz-Weißreihe). Die 4 Hauptfarben und das Braun stehen unverbunden nebeneinander.