526 Kap. XXIII. Der Raum der Gesichtswahrnehmnng. Psychologie 2 Anfl. II, 108, berufe. „Wenn man zu einer gege¬ benen Geraden eine andere in gleicher Richtung zieht, der man nach dem Äugenmaass dieselbe Grösse geben will, so macht man dieselbe häufiger zu klein als zu gross.“ Ich ziehe eine Linie B, die einer Linie A gleich sein soll, nach dem Äugenmaass, dies heisst aber, ich ziehe sie nach dem Vorstellungsbild, das ich von  gewon¬ nen habe und auf die Stelle des B übertrage. Fällt B zu klein aus, so war notwendig das Vorstellungsbild zu klein. Nun stehen aber Unterschiede, die in einer Raumgrösse sich finden, der Verkleine¬ rung, die eine engere Verschmelzung der einzelnen Teile innerhalb der Vorstellung involvirt, entgegen, sowie überhaupt Unterschiede der Enge der Verschmelzung entgegenstehen. Darnach gilt Folgendes. Indem ich das Vorstellungsbild von bc auf ab übertrage, schrumpft es um ein Gewisses zusammen. Um ebenso viel schrumpfte a b bei der Uebertragung auf b c zusammen, wenn die Distanz ab gleichfalls leer wäre. Dies doppelseitige Zusammenschrumpfen könnte das Bewusstsein der Gleichheit nicht stören. Ist nun aber die Distanz ab durch Punkte ausgefllllt, also mit Unterschieden versehen, die die Verkleinerung vermindern, so ergibt sich ein Missverhältnis: die geringere Verkleinerung des ab wird als solche erkannt; ab also erscheint grösser. — Ich brauche nicht zu sagen, dass jedes Vergleichen der beiden Distanzen die wechsel¬ seitige Uebertragung in der Vorstellung notwendig in sich schliesst Neben dem besprochenen Falle der Täuschung des Augen- maasses, und manchfachen Fällen, die ihm analog sind, steht eine andere Gattung, die eine andere Erklärung erfordert. Bei ihr sind Bewegungen mitwirksam, aber in einer Weise, in der wir ihre Mitwirksamkeit bereits zugestanden haben. Veränderungen eines Wahrgenommenen, die allmäblig und genügend langsam sich vollziehen, sind wir geneigt zu tibersehen oder wenigstens zu unterschätzen. Ein Ton kann aliraählig um ganze Töne sich än¬ dern, ohne dass wir der Aenderung uns bewusst werden. Fällt sie uns endlich auf, so überzeugen wir uns doch nur schwer, dass sie so beträchtlich gewesen sei, wie sie war. Der Grund für Derartiges leuchtet ein. Die in der Wahrnehmung sich unmittelbar folgenden Momente können wegen der tatsächlichen geringen Ver¬ schiedenheit kein starkes UnteTsehiedsbewusstsein ergeben, jeder Moment aber, der nur noch als Erinnerungsbild besteht, schmiegt sich vermöge des eben erwähnten schwankenden Charakters aller