Wundt’s Theorie der Klangverwandtschaft. 267 bedingt bei der Verschmelzung die Einfachheit der Schwingungs- Verhältnisse das Lustgefühl, so müssen, da die Schwingungen 8ammt ihren Verhältnissen doch nicht so wie sie sind in die Seele wandern, jenen einfacheren objektiven Verhältnissen besondere Verhältnisse der einfachen Ton vors teil ungen zu einander ent¬ sprechen, und zwar Verhältnisse der Freundschaft, einmal darum, weil diese es sind, die sonst der Lust zu Grunde zu liegen pflegen, zum andern, weil nur so sich erklärt, wie.es komme, dass Töne mit einfachen Schwingungsverhältnissen offenbar leichter, solche mit complicirteren Schwingungsverhältnissen schwerer und wider- williger verschmelzen. — Endlich drittens, bestehen diese beson¬ deren Verhältnisse, dann müssen sie ihre lusterzeugende Kraft auch da zeigen, wo von Verschmelzung keine Rede ist. Darnach können drei Fälle der Entstehung des Harmonie* gefUhls unterschieden werden. Es entsteht in geringerem Grade, wenn zwei befreundete einfache Töne ohne zu verschmelzen zu¬ sammenklingen. Es entsteht je nach Umständen in grösserer oder geringerer Stärke, wenn mehrere befreundete Töne zu einem Klang verschmelzen. Es entsteht naturgemäss in grösster Stärke, wenn die beiden genannten Möglichkeiten sich vereinigen und die Grund- und Obertöne zweier aus befreundeten Tönen entstandenen Klänge sich wechselseitig freundschaftlich entgegenkommen. Diesen drei Fällen entsprechen die Fälle der Entstehung des Disharmonie- gefühls genau. Es ist keine Frage, der Versuch, der ursprünglichen Freund* schaft oder Verwandtschaft der einfachen, in einfachen Schwingungs¬ verhältnissen stehenden Töne durch Berufung auf die Klangverwandt¬ schaft zu entgehen, setzt das Vorhandensein eben jener Freund¬ schafts- oder Verwandtschaftsverhältnisse voraus. Wir suchten dies zunächst mit Bezug auf die direkte Klangverwandtschaft ein¬ leuchtend zu machen. Es ist aber noch einleuchtender, wo die indirekte in Frage kommt. Indirekt verwandt nennt Wundt solche Klänge, „in denen Bestandteile enthalten sind, die einem und dem¬ selben dritten Klange angehören“. Nun ist zunächst deutlich, dass die blose tatsächliche Zugehörigkeit zu dem dritten Klange kein Gefühl der Harmonie in der Seele erzeugen kann; sie muss auch für die Seele irgendwie vorhanden sein, und dies schliesst in sich, dass der Klang der Seele irgendwie gegenwärtig sei. In bestimmten Fällen ist dies denn auch zweifellos der Fall. 17