35] 125 gesammte psychische Leben ausdehnen. Es bleibe ganz dahin¬ gestellt, ob vielleicht die nähere Analyse ergeben sollte, dass auch die Urtheile, Gefühle, Willensakte sich psychologisch aus Sinnes¬ empfindungen und ihren Erinnerungsbildern zusammensetzen und dementsprechend die physischen Gehirnerregungen auf isolirte periphere Reizungen und ihre Nachwirkungen zurückgeführt wTerden können. Auch wer das nicht zugiebt, auch wer die Elemente von Urtheil, Gefühl und Wille durchaus nicht den sinnlichen Empfin¬ dungen coordinirte, wird dennoch jene methodologischen Vortheile anerkennen. Auch diese Elemente lassen sich ihrem Einzelinhalt nach ja freilich aus den begleitenden elementaren Gehirnerregungen niemals erklären, sie müssen subjektiv erlebt werden; aber ist der causal unverständliche Zusammenhang der psychischen und phy¬ sischen Elemente erst einmal empirisch constatirt, so kann nun die Coexistenz und Succession der psychischen Elemente erklärt werden durch die Coexistenz und Succession der physischen Akte. Die physischen, zurückführbar auf mechanische Axiome, sind causal interpretirbar, die psychischen folgen einander ohne innere Nothwendigkeit; verknüpfen wir beide, so übertragen wir den nothwendigen Zusammenhang vom Physischen auf die psychische Reihe, und bieten somit Erklärung, wo sonst nur Be¬ schreibung möglich war. Dass diese übertragene Nothwendigkeit in der Abfolge psychischer Phänomene nicht in Collision gerathen darf mit jener unmittelbaren Nothwendigkeit, die wir einem kleinen Bruchtheil psychischer Verbindungen, nämlich den gewollten Pro¬ cessen, beilegen, versteht sich von selbst; auch dieses Gefühl der Nothwendigkeit muss psychophysische Erklärung finden. Kein Psychologe würde in dieser Auffassung Schwierigkeiten erblicken, wenn nicht die theoretische Untersuchung so leicht durch praktisch-ethische Erwägungen ersetzt zu werden pflegte. Man fragt nicht, was wahr sei, sondern was gut und schön ist, und corrigirt den Erkenntnisstext, wenn irgendwo sich das Gefühl regt, dass es für unsere Seele doch eigentlich entwürdigend sei, sich durch den Körper die Rolle souffliren zu lassen oder gar vom Körper sich leisten zu lassen, was die Seele nicht kann. Dem gegenüber sei daran erinnert, dass jenes Ich, für welches eine gewisse Würde zu beanspruchen überhaupt Sinn hat, lediglich ein 9*