— 66 sie sind die konstante Bedingung, die Anpassung ist eine natür¬ liche; im andern Falle ist die freie Willenshandlung Ursache jener auf Schutz abzielenden Vorgänge, die Anpassung ist nur eine künstliche. Prozesse natürlicher Anpassung an abnorme Bedingungen ver¬ folgen wir in anderer Art, wenn z. B. die durch Prolapsus vorge¬ stülpte Schleimhaut, die anfangs äußerst empfindlich und entzünd¬ bar, sich mit dicker trockner Oberhaut bedeckt.x) Umgekehrt ist es bekannt, daß Pflanzen, die im Freien nur mit dicker Binde zum Schutz gegen das rauhe Klima wachsen, in den Warmhäusern die Rinde viel langsamex und unvollkommener entwickeln. — Beispiele von Gewebsanpassungen sind auch jene Wucherungen, welche häu¬ figem Reiz ihren Ursprung verdanken und durch ihr Auftreten das Gewebe vor dem immer aufs neue wiederkehrenden Reize schützen; dahin gehören die Schwielen, die durch Druck, Reibung, Berührung heißer Gegenstände oder ätzender Flüssigkeiten entstehen.* 2) Eine noch interessantere Wirkung übt der Reiz durch seine häufige Wiederkehr da aus, wo er die Funktion des Gewebes auslöst; das Gewebe erhält sich hier nicht dadurch, daß es sich vor dem Reiz abschließt, sondern dadurch, daß es die funktionsleistenden Zellen vermehrt und stärkt, eine Veränderung, die nur durch die Annahme erklärbar wird, daß der spezifische Reiz eine günstige Stoffwechsel¬ bedingung für das Gewebe ist, eine Annahme, welche der Hypothese über die trophische Wirkung des Reizes auf die Zelle parallel geht. Diejenigen Zellen im Gewebe, welche zufällig durch den Reiz er¬ nährt wurden, siegten über die andern. Die normal sich bildenden Funktionsgewebe sind demnach das Resultat stammesgeschichtlicher Zellenselektion, von der darwinistischen Auslese der Individuen natürlich unterstützt. Tritt nun eine häufigere Wiederholung des nährenden Reizes ein, z. B. das Melken der Euter, die Sperma¬ ejakulation der Hoden, die Kontraktion den Muskelfasern u. s. w., so wachsen und vermehren sich die leistenden Zellen, und das Resultat ist jene Erscheinung, die, als Einfluß der Übung allbekannt, nichts ist als eine Anpassung an den Reiz. Enthielt das Gewebe bei dem ersten funktionsauslösenden Reiz teils funktionierende Zellen, welche durch den Reiz im Stoffwechsel gefördert wurden, teils wenig oder nichts mitleistende, durch den Reiz daher wenig *) Spencer, Biologie. Bd. II, 'S. 335. 2) Dubois-Reymond, Über die Übung. 1881. S. 15.